Flüchtlinge in Griechenland

Zumindest die Kinder von den Inseln holen

  • schließen

Die unmenschliche Lage Tausender Flüchtlinge auf den griechischen Inseln ist ein Sinnbild für Europas Schande. Den Menschen muss endlich geholfen werden - auch wenn nicht alle EU-Staaten mitziehen. Die Analyse.

Go, go, go!“, ruft der Bürgermeister von Samos den dunkelhäutigen Menschen zu, „geht, geht, geht!“ Ein neulich auf einem zentralen Platz der griechischen Insel aufgenommenes Handyvideo zeigt den Politiker, wie er Flüchtlinge vulgär beschimpft, sie wegstößt, zu verschwinden auffordert. Wohin? Bleibt offen. Die Szene führt Europas Hilf- und Kopflosigkeit im Umgang mit Geflüchteten vor Augen. Sie zeugt von Kälte und Brutalität.

Es gibt nichts zu beschönigen: Die EU versagt in der Asylpolitik. Auch vier Jahre nach dem großen Zuzug Geflüchteter aus dem Nahen und Mittleren Osten finden ihre Mitgliedsstaaten bei der Aufnahme, Versorgung und Verteilung von Asylsuchenden nicht zueinander. Sie teilen nicht einmal eine gemeinsame Idee von dem, was eine humane Migrationspolitik sein könnte. Immerzu mahnen Europas Politiker, „so etwas wie 2015“ dürfe sich nicht wiederholen – verharren aber selbst im gleichen Muster.

Damals wie heute sind die Flüchtlingslager im Nahen Osten unterfinanziert, Griechenland ist mit der Aufnahme der Asylbewerber nach wie vor völlig überfordert. Und ganz so, wie Europa die Bewältigung der Migration auf seine Mitgliedsstaaten an der Außengrenze abwälzt, lässt auch die griechische Regierung die Inseln vor der türkischen Küste im Stich. Zum Versagen gesellt sich das Verdrängen.

Samos, Lesbos, Chios, Kos und Leros melden mehr als 40 000 Geflüchtete. Dabei ist in den Lagern der Inseln nur Platz für 7500 Menschen. Und täglich werden es mehr – der rauen, teils stürmischen See zum Trotz. Bitten der Inselgemeinden um eine Verteilung der Menschen auf das Festland lehnt Athen ab. Stattdessen kündigt die Mitte-Rechts-Regierung in markigen Tönen den Bau von stacheldrahtbewehrten Haftanstalten für Asylsuchende auf den Inseln an. Seltsam: Als US-Präsident Donald Trump Latino-Kinder an der Grenze zu Mexiko einsperren ließ, war hierzulande der Aufschrei groß. Geht es dagegen um die Abschottung Europas, schauen wir großzügig über so manche Unmenschlichkeit hinweg.

Grünen-Chef Robert Habeck hat gut daran getan, an Europas Schande zu erinnern. Mit seinem Appell zur Aufnahme von Flüchtlingskindern durchbricht Habeck das schuldbewusste Schweigen. Er kratzt am Selbstbild eines Kontinents, der dem Rest der Welt gern Vorträge über Werte und Moral hält – die er selbst jedoch an seinen Rändern missachtet.

Habecks lauter Zwischenruf steht auch im Kontrast zum Auftreten seiner Partei. Im ausklingenden Wahljahr blieben die Grünen auffallend zurückhaltend in der asylpolitischen Debatte. Man wolle den Rechten mit der Betonung des Migrationsthemas nicht unnötig zuarbeiten, hieß es aus der Partei. Doch jetzt, zu Weihnachten, da die Herzen weit sind, stellt ein Appell ans Gewissen offenbar kein allzu großes politisches Risiko dar. Dass Deutschland ausgerechnet vor Heiligabend das Leid in der Ägäis betroffen macht, wo doch die Zustände dort seit Monaten, Jahren elend sind, hat eine heuchlerische Note. Trotzdem gut, dass die Politik jetzt hinschaut.

Betroffenheit allein aber löst kein Problem. Nötig ist schnelle Hilfe. Auf den Inseln fehlt es an allem: an Zelten, Decken, Nahrung, Medizin, Personal zur Bearbeitung der Asylanträge. Da die EU-Staaten nicht imstande sind, die Verteilung der Asylbewerber zu organisieren, sollten hilfswillige Regionen und Gemeinden bei der Aufnahme Minderjähriger vorangehen. Die Kinder brauchen Schutz – vor Kälte, Krankheiten und Menschenhändlern.

Die neue EU-Kommission hat sich dem Kampf gegen den Klimawandel verschrieben. Sie steht aber auch in der Pflicht, die ungelöste Frage der Migration zu klären. Auch daran wird sich Kommissionschefin Ursula von der Leyen messen lassen müssen.

Auf Druck von rechts ist konstruktive Asylpolitik in Verruf geraten. Wer Migration steuern will, sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, weitere Flüchtlinge nach Europa zu locken. Dieser perfiden Logik zufolge sind abschreckende Bilder das beste Mittel, um Flüchtlinge von Europa fernzuhalten. Ein großer Irrtum. Trotz der im Internet gut dokumentierten Not und Gewalt in den griechischen Lagern kommen täglich Afghanen, Pakistaner, Syrer auf den Inseln an. Die Lebensbedingungen in diesen Ländern zu verbessern – das ist die beste Asylpolitik. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare