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Zukunft gestalten

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Die kommende Regierung muss dringend den Ausbau der Erneuerbaren voranbringen. 
Die kommende Regierung muss dringend den Ausbau der Erneuerbaren voranbringen.  © © epd-bild / Gordon Welters

In den Sondierungen gilt es, alte Denkmuster zu überwinden, um Klimaschutz voranzubringen. Der Gastbeitrag von Christoph Heinrich.

Am Wahlsonntag wurde Deutschlands Parteienlandschaft kräftig gerüttelt und geschüttelt. Vor allem die junge Generation will den Aufbruch. Jenseits alter Konstellationen, Machtverhältnisse und parteipolitischer Befindlichkeiten fordert sie Zukunftsfähigkeit ein. Und ein Recht auf eine Zukunft in einem modernen und sozialen Land, das sich der Klimakrise und dem Artensterben stellt.

Alle Parteien, die sich nun in den Sondierungen austauschen, kommen an dieser Forderung und diesem Willen nicht mehr vorbei. Ihre Aufgabe ist es, diesen Aufbruch hin zu einem schlagkräftigen Wirtschaftsstandort im postfossilen Zeitalter kräftig anzuschieben. Dazu müssen sie alte Denkmuster überwinden.

In den anstehenden Koalitionsverhandlungen gilt es, die notwendigen Maßnahmen gegen die Erderhitzung zu verabreden und mit einem konkreten Zeitplan zu hinterlegen. Die kommende Regierung muss dringend den Ausbau der Erneuerbaren voranbringen. Wind und Sonne sind die Eckpfeiler eines Lebens und Wirtschaftens innerhalb der planetaren Grenzen. Kohle, Gas und Öl haben ausgedient, die Zukunft liegt in den Erneuerbaren.

2030 brauchen wir einen Anteil der Erneuerbaren am Brutto-stromverbrauch von mindestens 80 Prozent. Dafür müssen die Ausbauzahlen enorm gesteigert werden, bei Wind an Land zum Beispiel mindestens 5,5 Gigawatt pro Jahr, bei Photovoltaik mindestens zehn Gigawatt pro Jahr. Klima- und umweltschädliche Subventionen gilt es zu beenden und in klimafreundliche Lösungen umzulenken.

Dieser Strukturwandel kann nicht einfach angeordnet werden. Er gelingt nur, wenn ausreichend Fördermittel und Investitionen für klimafreundliche Technologien und Verhaltensweisen bereitgestellt werden. In diesen Technologien liegen zukünftige Märkte für die Wirtschaft. Eine moderne Politik für den Wirtschaftsstandort Deutschland nutzt zudem die Wirkung, die ein nachhaltiges Finanzsystem für den Umwelt- und Klimaschutz entfalten kann, und das volle Potenzial einer Kreislaufwirtschaft, die diesem Namen gerecht wird.

Der Kampf gegen das Artensterben und die Zerstörung von Lebensräumen ist ebenso systemrelevant wie der gegen die Klimakrise. Der Raubbau an den Ökosystemen an Land und im Meer hat weltweit verheerende Auswirkungen auf unseren Planeten. Die Erderhitzung und die Vernichtung der biologischen Vielfalt bewirken und verstärken sich gegenseitig. Die kommende Bundesregierung muss diese Doppelkrise entschlossen angehen, indem sie international noch mehr Verantwortung übernimmt und dazu auch die Biodiversitätsfinanzierung auf mindestens zwei Milliarden Euro pro Jahr erhöht.

Diese Investition wird reiche Rendite in Form eines lebenswerten Planeten abwerfen. Und wer Zahlen bevorzugt: Weltweit ist eine Wirtschaftsleistung von rund 44 Billionen US-Dollar abhängig von der Natur und ihrer Leistungen, mehr als die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Die Krise der biologischen Vielfalt beginnt direkt vor unserer Tür. Die Neuausrichtung der Landwirtschaftspolitik in Deutschland braucht jetzt Tempo. Die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ hat als Team den Rahmen gesetzt: für eine deutsche Landwirtschaft, die ein gutes Auskommen sichert, gesunde, fair erzeugte Lebensmittel bereitstellt und Wasser, Böden und Klima sowie Artenvielfalt besser schützt.

Wer auch immer am nächsten Koalitionsvertrag arbeitet, muss ebenso dem deutschen Wald eine Zukunft geben. Ein möglichst naturnaher Wald ist die beste Versicherung gegen Dürre, Borkenkäfer oder Sturm. Nur solche Wälder können dauerhaft CO2 speichern, Luft filtern, Wasser binden oder Holz bereitstellen. Wir brauchen deshalb einen Paradigmenwechsel: erst das Ökosystem Wald, dann alles andere.

Die kommende Bundesregierung sollte dazu im Bundeswaldgesetz ökologische Mindeststandards definieren. Und für Deutschlands Naturschutz muss endlich gelten: Schutzgebiete an Land und in den Meeren sind Schutzgebiete in der Praxis, nicht auf dem Papier.

International stehen wichtige Themen auf der Agenda, bei denen Deutschlands Mut und konstruktiver Gestaltungswille von jedem künftigen Regierungsbündnis gefordert ist – allen voran bei der Weltklimakonferenz Anfang November in Glasgow und bei den Verhandlungen für das neue globale Abkommen für die Biodiversität, welches Mitte 2022 verabschiedet werden soll. Dazu kommt Europa: Deutschland muss sich hier konstruktiv in die Debatten zum Fit-for-55-Paket einbringen. Es darf kein „German vote“ bei der Umsetzung des Green Deal mehr geben.

Welche Koalition sich nun auch zusammenfindet: Business as usual hat ausgedient. Der Aufbruch in eine lebenswerte Zukunft und ein modernes Deutschland gelingt nur mit einer entschlossenen Umwelt- und Klimapolitik.

Christoph Heinrich ist im WWF-Naturschutzvorstand und Mitglied der Zukunftskommission.

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