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Zöllner mit Visionen

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Von: Michael Herl

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Das Rotweinparadies findet sich jenseits der deutschen Grenze.
Das Rotweinparadies findet sich jenseits der deutschen Grenze. © imago/blickwinkel

Als Beamte an den Grenzen noch kontrollierten, stand auf dem Weg ins Paradies mit Weinbergschnecken und prächtigen Rotweinen ein Schlagbaum. Die Kolumne.

Eigentlich kann man ja die Vorzüge eines vereinten Europas gar nicht oft genug preisen. Die wichtigsten sind politische, die angenehmsten die gemeinsame Währung und der Wegfall der Grenzkontrollen. Jetzt, wo all dies wieder auf dem Spiel steht, wird einem erst recht bewusst, wie fürchterlich dies früher war.

Gerade ich als früherer Grenzgebietbewohner weiß ein Lied davon zu singen. Drüben, nur wenige Kilometer entfernt, lockten Froschschenkel, Weinbergschnecken, prächtige Rotweine und preiswerte Filterlose, dazwischen aber standen zwei Schlagbäume und etliche grimmig dreinschauende Männer in Uniformen, hüben in grünen, drüben in blauen, und drohten, einem den Sprung ins Paradies zu vermiesen.

Interessanter noch der Rückweg. Früher war einem das gar nicht so bewusst, doch es erforderte ja eigentlich eine Menge Mut, mit drei Flaschen Côtes du Rhône im Kopf wissentlich auf Staatsbedienstete zuzusteuern, die polizeiähnlich gekleidet waren und polizeiähnliche Befugnisse hatten. Klar, man wusste, dass die es lediglich auf Schmuggelware abgesehen hatten. Das war ihre Aufgabe, und genau die verrichtet ein Beamter. Dienst nach Vorschrift halt. Dabei hätte doch ein kurzer Anruf bei den Kollegen von der Polizei genügt, und der Führerschein wäre perdu gewesen. Es geschah jedoch nichts. So man sich nicht ins Zöllnerhäuschen erbrach, kontrollierten die Herren nur die Pässe und zählten Weinflaschen und Zigaretten.

Unlängst saß ich beim Wein in Wissembourg und sinnierte so rum, da wurde mir mit einem mal klar: Das hatte damals nichts mit Beamtenmentalität zu tun, sondern war schlicht vernünftig. Man muss sich nämlich Folgendes vorstellen: Hätte ein Zöllner den Alkoholgehalt eines Fahrzeugführers beanstandet, hätte er die Polizei rufen müssen. Die nächste Wache war rund 18 Kilometer entfernt.

Vorausgesetzt, es wäre gerade ein Streifenwagen (besser gesagt der Streifenwagen) frei gewesen, hätte der auf der kurvigen Strecke gut zwanzig Minuten bis zum Grenzposten gebraucht. Nun hatte sich aber zur Kernzeit, also zwischen 22 und 24 Uhr, nicht nur ein Strunzbesoffener auf den Weg vom Paradies zurück nach Deutschland gemacht. An guten Tagen und entsprechendem Mondstand mögen dies sicherlich rund zweihundert gewesen sein. Sprich: Schon bei der Ankunft der Polizisten wären etwa dreißig Volleulen nebst ihren Kraftfahrzeugen vor dem Schlagbaum gestanden. Wie lange dauert eine Alkoholkontrolle? Mit allen drum und dran sicherlich nochmal zwanzig Minuten.

Also wären nach der Überführung des Besoffenen bereits sechzig weitere lallend und sabbernd durchs Niemandsland gewankt, von ihren Mitfahrern mal ganz zu schweigen. Schnell wäre die Masse auf einige hundert angewachsen. Sie hätten sich Feuerchen gemacht, die mitgebrachten Weinflaschen geköpft und bald lauthals „Olé, wir fahr’n ins Puff nach Barcelona“ gegrölt. Eine ernste Gefahr für die deutsch-französische Freundschaft.

All das muss den Zöllnern damals schon klar gewesen sein. Sie waren also keine tumben Trottel, sondern kluge Visionäre. Chapeau! Übrigens: Heute sind die Grenzstationen abgebaut, doch kaum einer fährt noch besoffen Auto. Das wird Ihnen jeder elsässische Wirt bedauernd bezeugen. Es ist doch eine verrückte Welt...

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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