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Angelika Claußen ist  Vorsitzende  der  IPPNW – Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung
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Angelika Claußen ist Vorsitzende der IPPNW – Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung

Gastbeitrag

Von zivilen Strukturen weit entfernt

Das westliche Interventionsbündnis der Nato hat die Lebensbedingungen der Bevölkerung in Afghanistan bisher kaum verbessert.

Von Angelika Claußen

Ein Jahr war Fardin alt, als er von seinen Eltern zur Mutter-Kind-Ernährungsstation im Dorf Yawa im Nordosten Afghanistans gebracht wurde. „Er wurde 8 Monate gestillt, dann gaben wir ihm Brot und Ziegenmilch, mehr hatten wir nicht“, berichteten die Eltern. „Der Winter dauert bei uns sehr lange. Wir konnten nichts kaufen und Fardin hat die Nahrung verweigert. Er bekam hohes Fieber und seine Arme und Beine wurden immer dünner. Wir sind auf Hilfe von außen angewiesen, sonst müssen unsere Kinder sterben.“

Das westliche Interventionsbündnis der Nato hat die Lebensbedingungen der Bevölkerung in Afghanistan bisher kaum verbessert. Die Mehrheit der Menschen in Afghanistan ist bitterarm. Mehr als die Hälfte der Kinder leidet unter chronischer Unterernährung, 30 Prozent haben Untergewicht , 9 Prozent sind schwer unterernährt. Unterernährung ist eine der wesentlichen Ursache für die hohe Kinder- und Müttersterblichkeit in Afghanistan. Hilfe für das Land muss daher in erster Linie der Gesundheit von Müttern und Kindern gelten.

Obwohl es leichte Verbesserungen bei der Sterblichkeit der Kinder unter fünf Jahren gibt, sind diese bei weitem noch nicht stabil. Denn 74 von 1?000 Kindern in Afghanistan sterben vor dem ersten Lebensjahr und 102 Kinder vor Erreichen des fünften Lebensjahres. Dies ergab eine Untersuchung der afghanischen Regierung mit Unterstützung von Unicef.

In Afghanistan kommen Menschen aber nicht nur durch Hunger und Krankheiten ums Leben. Sie sterben bei Drohnenangriffen der Nato oder Selbstmordattentaten der Aufständischen. Der Halbjahresbericht der UN Assistance Mission listet vom 1. Januar bis 30. Juni 2012 1?145 getötete Zivilisten und 1?954 Verletzte auf – ein Drittel davon Frauen und Kinder. Für viele Frauen hat sich das Leben in den letzten Jahren wieder verschlechtert. Der Machtgewinn extrem konservativer bis fundamentalistischer Fraktionen in der Regierung wirkt sich gravierend auf ihren Alltag aus. Junge Mädchen werden Opfer von Ehrenmorden; Männer, Väter und Onkel misshandeln sie. Laut dem UN-Entwicklungsfonds für Frauen werden 87 Prozent aller Frauen in Afghanistan regelmäßig geschlagen.

Ausländischen Soldaten wird vertraglich Straffreiheit garantiert. Auch afghanische Männer bleiben bei Gewalt gegen Frauen oft straffrei. Aber ohne grundlegende Menschenrechte für Frauen, ohne die Bekämpfung des Hungers und ohne Bildung für Jungen wie für Mädchen ist kein Frieden in Afghanistan möglich.

Milliarden Euro sind nach Afghanistan geflossen, doch der Aufbau ziviler Strukturen und die Gewährleistung der Grundrechte auf Leben, Nahrung und Gesundheit ist kaum vorangekommen. Seit Beginn des Krieges standen militärische Ziele im Vordergrund des Militärbündnisses: erst der Kampf gegen Al-Kaida, dann die Niederschlagung des Aufstands der Taliban. Die Verknüpfung von zivil-militärischer Politik und der Aufstandsbekämpfung wird auch in einer neuen Studie scharf kritisiert. So warf die International Crisis Group den USA vor, große Mengen ihrer Hilfe in ihre Kampfgebiete im Süden Afghanistans gegeben und es versäumt zu haben, die Unterstützung an den tatsächlichen Bedürftigen zu orientieren. Viele Menschen in Afghanistan hatten erwartet, dass ihnen bei der Errichtung von demokratischen Strukturen und der Auflösung der Milizen der Warlords geholfen würde. Stattdessen sorgten die Interventionsmächte dafür, dass eine Gruppe von früheren Warlords, Drogenbaronen und Stammeschefs um den Regierungspräsidenten Karzai wieder feste Machtpositionen erhielten. Was sind die Bedingungen dafür, Frieden zu schaffen in einem vom Bürgerkrieg geschundenen Land? Friedenskonsolidierung heißt, politische, wirtschaftliche, soziale und psychologische Konsequenzen des Krieges zu bewältigen. Dazu müssen die am Krieg beteiligten Gruppen entwaffnet und Polizei und Justiz aufgebaut werden.

Zu einer Transformation der Bürgerkriegsgesellschaft gehören der Aufbau einer zivilen Verwaltung, Rechtsstaatlichkeit und Verfassung. Zwischen verfeindeten Gruppen müssen Versöhnungsprozesse organisiert und Flüchtlinge wieder eingegliedert werden. Notwendig ist zudem der Aufbau einer lokalen Ökonomie sowie medizinischer und sozialer Versorgungsstrukturen. Wir sollten Friedenskonsolidierung als eine höchst komplexe Aufgabe begreifen, die Jahrzehnte beanspruchen kann. Der Abzug der ausländischen Truppen aus Afghanistan samt privater Sicherheitsfirmen ist Voraussetzung für Frieden in Afghanistan. Die Bundesregierung steht in der Pflicht, das zivilgesellschaftliche Engagement in dem Land mit den notwendigen Finanzen zu unterstützen. Die ersten elf Jahre des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan haben mehr als 7 Milliarden Euro gekostet. Dem standen nur 2,13 Milliarden für Wiederaufbau und Entwicklung des Landes gegenüber.

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