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Ein Uhrmachermeister verstellt an verschiedenen Küchenuhren im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen die Uhrzeiten.

EU-Skepsis

Die Zeitumstellung ist wichtiger, als viele denken

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Ist die Zeitumstellung unwichtig? Aus Sicht des EU-Apparats gewiss. Und doch geht es auch um so etwas wie gefühlte Zusammengehörigkeit in Europa. Die Kolumne.

Für Freunde des gepflegten Selbstbetrugs ist der nächste Sonntag noch mal ein besonderer. Eine Stunde länger im Bett bleiben und doch nicht später aufstehen als sonst: Wer mag, kann diese nette Erfahrung an den Folgetagen wiederholen, der Wecker bleibt ja zurückgestellt und klingelt entsprechend spät. Mit der Winterzeit gibt es morgens eine Stunde geschenkte Ruhe, und früher hell wird’s obendrein.

Solch ein herbstlicher Spezialgenuss soll einem künftig verwehrt werden. Ein alter Mann in Brüssel, der seine Zeit nicht mehr versteht, sieht das als eine Art demokratisches Geschenk. Jean-Claude Juncker, der EU-Kommissionspräsident, will zum Ende seiner Amtszeit noch mal richtig populär werden durch seinen Vorschlag, die einzelnen Staaten sollten in Zukunft selbst festlegen, was bei ihnen die Uhr zu schlagen hat. In Deutschland wirkt bislang die Kampagne der Gegner der halbjährlichen Umstellung von Winter- und Sommerzeit, bei vielen hat das Thema auch ganz einfach einen hohen Egal-Faktor.

Das ist ein interessanter Vorgang. Schon deshalb, weil der oberste EU-Mann bewusst in einer Frage, die er selbst für unwichtig hält, den Nationalstaaten die Zuständigkeit zurückgeben will, weil ja weniger Europa das Gebot der Zeit sei. Und allseits wird genickt.

Aber ist die Frage unwichtig? Aus Sicht der Macht und des Apparats gewiss. Die Bildungseliten des Kontinents fliegen sowieso ständig in der Welt hin und her, samt häufiger Uhrumstellung. Und doch gibt es daneben so etwas wie gefühlte Zusammengehörigkeit in Europa. Ist es dafür wirklich nicht wichtig, dass möglichst viele Leute dasselbe sehen, wenn sie auf die Uhr schauen?

Auf der Staatsebene müssen alle mit allen verhandeln – über die Uhrzeit. Zwischenstand: Rein von den nationalen Wünschen her betrachtet würde Europa zeitpolitisch ein bunter Flickenteppich zwischen nur Winter- und nur Sommerzeit und irgendwas dazwischen – ein Chaos. Genau so, wie wir uns Europa derzeit vorstellen. Tröstlich ist, dass nach aller Erfahrung das Thema nach dem Blick in diesen Abgrund vertagt werden wird, spätestens wenn im Mai erst die Europawahl vorbei und Juncker Geschichte ist.

Und was bleibt dann bei den Menschen hängen? Die Politik hat es wieder nicht geregelt bekommen. In Zeiten, in denen Kontrollverlust sowieso viele Leute beunruhigt, ist das keine gute Geschichte. Ein schwacher Kommissionspräsident verzichtet aus vordergründiger Demut auf eine EU-weite Regelung ausgerechnet zu einem Thema, bei dem Einheitlichkeit schön wäre. Und das emotional vielleicht bedeutsamer ist, als Regierungsjuristen ahnen. Es geht ja letztlich wie so oft um Zusammensein oder Eigensinn.

Es ist wieder so eine Randgeschichte des Politischen, bei der sich die Frage stellt, wie schwach die Europaebene schon ist, wenn sie glaubt, es sei am besten, sie habe keine Meinung mehr. Ach Europa, wohin gehst du? Wer dazu gerne weitergrübeln möchte, hat am Sonntag nach dem Aufwachen eine Stunde Extrazeit dafür. Alternativ für alle, denen es egal ist: Man kann Juncker auch einen alten Mann sein lassen und vor sich hindösen, die Stunde ist ja geschenkt und frei verfügbar.

Was immer herauskommt in der Zeitsache: Wer den Selbstbetrug nicht missen möchte, kann jederzeit zur Tat schreiten. Einfach am Abend die Uhr eine Stunde VORstellen. Dann gibt’s trotz Juncker, wenn man verschlafen der Uhrzeit glaubt, am nächsten Morgen ’ne Stunde extra.

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