+
Noch sind es in erster Linie die Mütter, die sich auch während der Elternzeit um die Kinder kümmern.

Elternzeit

Zeiten der Ungleichheit

  • schließen

Wenn Väter Elternzeit nehmen, bleiben sie meistens gemeinsam mit ihrer Partnerin zu Hause. Aber es geht auch anders, obwohl das fast niemand zu glauben scheint. Die Kolumne.

Kürzlich fragte mich eine Kollegin, die ich traf, wie lange ich denn Elternzeit genommen hätte. Ich erwiderte: acht Monate. Und ich sah, wie die Mundwinkel meiner Kollegin nach unten sanken, als zögen unsichtbare Seilwinden daran. „Oh“, sagte sie. Ich wusste nicht, was „oh“ bedeutete, aber es war klar, dass es nichts Gutes war. Ich unterdrückte das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich nicht ein volles Jahr zu Hause bleiben würde wie die meisten deutschen Frauen.

Voller Mitleid sah meine Kollegin, selbst Mutter eines erwachsenen Sohnes, meine kleine Tochter an, die neben ihr im Maxi Cosi saß. „Aber was wird aus ihr?“, fragte die Kollegin besorgt. „Muss sie denn schon in die Krippe?“

Krippe vs. Brandenburger Wolfsrudel

Es klang so, als wäre die Krippe eine kaum bessere Lösung als die Betreuung eines sieben Monate alten Babys durch ein Brandenburger Wolfsrudel. Es schien meiner Kollegin nicht in den Kopf zu kommen, dass es noch eine andere Möglichkeit gab. „Mein Mann wird sich um sie kümmern“, sagte ich. Er werde auch nach der Elternzeit weniger arbeiten als ich, sich mehr um die Kinder kümmern.

Die Mundwinkel meiner Kollegin schnellten hoch. Sie freute sich so, als hätte ich ihr mitgeteilt, dass die Pandas vor dem Aussterben gerettet und die Nordkorea-Krise gelöst seien. „Das ist ja fantastisch, toll.“ Es gefalle ihr sehr, wenn Männer bei der Erziehung mithelfen, sagte sie. Helfen, das klang, als würde mein Mann so eine Art Ehrenamt übernehmen, als würde er sich aus Gutherzigkeit um etwas kümmern, das eigentlich außerhalb seiner Verantwortung lag.

Mich lobte sie nicht. Aber ich kam mir ja selbst mies vor, weil ich mich darauf freute, wieder ins Büro zu gehen. Ich kenne Frauen, die einen Wettkampf aus dem Muttersein machen. Wer bäckt die beste Geburtstagstorte? Wer hat die besten Bastelideen?

Wettkampf aus dem Muttersein

Da lande ich eher auf den hinteren Plätzen. Aber ähnliche Gespräche wie mit meiner Kollegin habe ich seitdem noch oft geführt. Und es sind fast immer Frauen, die überhaupt nicht in Betracht zu ziehen scheinen, dass Männer auch mehr als die üblichen zwei Monate Elternzeit nehmen könnten.

Meistens legen Männer die Elternzeit so, dass sie gemeinsam mit ihrer Partnerin zu Hause sind. Das bedeutet dann oft, dass Papa zwei Stunden am Vormittag mit dem Tragetuch rausgeht, sich aber sonst wenig kümmern muss – weil Mama ja sofort zur Stelle ist, wenn das Baby weint.

Wenn ich die Zahlen studiere, dann sind mein Mann und ich eine große Ausnahme. 60 Prozent aller Paare mit kleinen Kindern unter drei wollen sich die Pflichten in Haushalt und Beruf gleichmäßig teilen. Nur 14 Prozent machen das auch, so steht es im Väterreport der Bundesregierung. 80 Prozent aller Väter wollen gerne weniger arbeiten, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, aber nur neun Prozent aller Männer arbeiten Teilzeit. Drei Viertel aller Frauen mit kleinen Kindern kehren nur für wenige Stunden an den Arbeitsplatz zurück, sie erledigen freiwillig die meiste Arbeit im Haushalt. Väter helfen.

Ich sitze am Schreibtisch und schaue auf meine Tochter, die noch nicht ahnt, was es bedeutet, eine Frau und vielleicht eine Mutter zu sein. Es wäre schön, wenn sie und ihr Bruder es irgendwann einmal unvorstellbar finden, dass es solche Zeiten der Ungleichheit gegeben hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare