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Ja, Angela Merkel hat mir ihrer Entscheidung Zeit gewonnen und bleibt bis 2021 Bundeskanzlerin.

Hält sich Merkel bis 2021?

Ja, sie hat Zeit gewonnen

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Die Kanzlerin hat wieder einmal gezeigt, wie sie ihre Position abzusichern versteht. Und sie weiß: Altenativen zu ihr werden sich so schnell nicht finden.

Stabilität - das Wort hat derzeit Konjunktur in Deutschland. Stabilität ist in scheinbar unübersichtlichen Zeiten ganz wichtig. Aber haben wir nicht in Deutschland und in der EU die längste, friedlichste und stabilste Phase seit der Geschichtsschreibung? Und ausgerechnet Angela Merkel stört dieses Bedürfnis nach Stabilität, wenn sie sagt: War nett, ich gehe.

Man kann an der Politik der Kanzlerin sehr viel kritisieren, aber dass Merkel kein Gefühl für stabile Machtverhältnisse hat – dafür gibt es keine Grundlage. Wie subtil, sicher und nachhaltig sie ihre eigene Position aufgebaut und abgesichert hat – das ist Stoff für Lehrbücher aufstiegsorientierter Politiker, Manager und wen auch immer. Ihre Erklärung, dass sie nicht mehr für den Parteivorsitz kandidiert und dann 2021 auch nicht mehr für das Kanzleramt, steht in diesem Zusammenhang.

Was spricht dafür, dass dieser Schachzug Merkel Luft verschafft, tatsächlich erst 2021 abzutreten?

Das Kapitel ihrer Kanzlerschaft hat über Deutschland hinaus Bedeutung. Sie hat die europäische und die globale Politik maßgeblich beeinflusst. Sie war 2015 „Person oft the Year“, „Forbes“ zählt sie zu den mächtigsten Frauen der Welt, wichtige US-Medien sehen in ihr die „Führerin der freien Welt“ – nicht im US-Präsidenten Donald Trump.

Merkel ist zwar absehbar Geschichte. Aber die Geschichte ist auch Merkel selbst, und sie wäre nicht da, wo sie jetzt ist, wenn sie die letzten Seiten dieses Kapitels nicht mitschreiben wollte. Mit ihrer Ankündigung gewinnt sie dafür Zeit.

Der Druck ist raus aus dem Kessel. In der Union werden nun ihre Kritiker und Anhänger einander beharken, sie werden sich zudem erstmals auf die realistische Chance vorbereiten müssen, Merkel zu beerben. Dafür brauchen sie Kraft und Zeit, Merkel wird für sie uninteressant, sie ist ja bald weg. Aber in diesen Nachfolgerkämpfen wird sie mitmischen.

Was ihr ebenfalls in die Hände spielt, ist die Reaktion europäischer Partner. Wenn Merkel weg ist, wer folgt ihr dann? Können Italien, Spanien, Portugal und Griechenland etwa auf jemanden hoffen, der weniger streng bei der Schuldenpolitik ist? Wohl kaum. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron trat zwar mit großen Ideen für Europa an, aber auch er spürte schnell, wie schwach er ist, wenn Merkel nicht mitzieht. Nun wirkt es zwar so, als müsste sich Brüssel auf einen zweijährigen Stillstand einstellen, aber es ist auch immer eine Frage der Alternativen: Mit Merkel und ihrem absehbaren politischen Ende lässt sich vielleicht besser arbeiten als mit einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin, der oder die international noch kein Gewicht hat.

Merkel hat ihre Worte vom Montag lange vorbereitet. Und das wirklich Überraschende dabei ist, dass das vorher nicht durchgesickert war. Das heißt, sie sprach mit so gut wie niemanden darüber. Das heißt aber auch, dass sie mehr als nur ihre Erklärung vorbereitet hat.

Da arbeitet jemand an einem großen Erbe. An einer stabilen Fortsetzung der eigenen Politik. Und die beginnt in zwei Jahren, nicht früher.

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