Corona-Folgen für die Wirtschaft

Die Bundesregierung hat die ganze Tragweite noch nicht begriffen

  • Tim Szent-Ivanyi
    vonTim Szent-Ivanyi
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Einige Branchen erholen sich von der Corona-Krise. Andere werden dauerhaft Hilfe vom Staat benötigen. Die Regierung muss jetzt handeln. Der Leitartikel.

Man muss kurz innehalten, um den Wahnsinn der aktuelle Situation sacken zu lassen: Da sorgt die Meldung des Statistischen Bundesamtes, wonach die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal nun doch nicht wie befürchtet um 10,1 Prozent, sondern lediglich um 9,7 Prozent eingebrochen ist, für positive Schlagzeilen und gute Stimmung an den Börsen.

Dabei ist der nun errechnete Rückgang immer noch der stärkste Einbruch seit Einführung der vierteljährlichen Berechnungen der Wirtschaftsleistung. Das war 1970 – also vor 50 Jahren! Selbst in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, als die Welt kurz vor dem Zusammenbruch des internationalen Bankensystems stand, war das Minus nur halb so hoch wie heute.

Doch ist verständlich und sogar enorm wichtig, dass jedes noch so kleine positive Zeichen gebührend beachtet wird. Die Ex-Wirtschaftsminister Ludwig Erhard zugeschriebene Weisheit, wonach Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie sei, hat heute mehr Bedeutung denn je.

Gleichzeitig gibt es aber auch sehr deutliche Zeichen der Hoffnung. Nach dem Ende des flächendeckenden Shutdowns kehrt in vielen Branchen wieder so etwas wie Normalität zurück. So stieg die Auftragseingang im Baugewerbe im Juni gegenüber Mai um mehr als zwölf Prozent. In absoluten Zahlen verfügt die Branche derzeit über den Höchsten jemals gemessenen Wert an neuen Aufträgen in einem Juni. Der Anstieg im Frühsommer war so hoch, dass er die Rückgänge zwischen März und Mai schon fast wieder ausgleichen konnte.

Die einsetzende Belebung in vielen Branchen darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es mit einer extrem gespaltenen Wirtschaftsentwicklung zu tun haben, wie es sie noch nie gegeben hat: Solange die Bevölkerung nicht durchgeimpft ist – was nach Ansicht von Experten erst Mitte 2022 der Fall sein könnte – wird sich ein Großteil der Veranstaltungsbranche nicht wieder erholen können.

Messen, Ausstellungen, Konferenzen, Weiterbildungen, Discotheken, Konzerte, Theater, Rummel, Zirkusse – hier arbeiten rund 1,5 Millionen Menschen, vom Künstler bis zur Reinigungskraft. Die Firmen und Beschäftigten halten sich mit Kurzarbeit und knappen Soforthilfen von Monat zu Monat über Wasser. Doch bald werden die letzten Ersparnisse aufgebraucht sein.

Das gilt im Übrigen auch für viele Hotels und Gaststätten. Wer den Gästen wegen der Abstandsregeln nur einen Teil seiner Tische oder Betten anbieten kann, wird wirtschaftlich nicht mehr auf einen grünen Zweig kommen. Ohne weitere Hilfen dürfte spätestens im Herbst eine beispiellose Pleitewelle über das Land rollen.

Die Bundesregierung, so scheint es, hat die Tragweite noch gar nicht richtig begriffen. Dabei liegen die Instrumente für Hilfen schon auf dem Tisch, sie müssen allerdings angepasst und erweitert werden: Bessere Kreditkonditionen, die Ausweitung von Überbrückungsprogrammen auf alle Unternehmensgrößen, alle Kostenarten und alle Krisenmonate, eine Flexibilisierung der Kurzarbeit sowie erweiterte Möglichkeiten, bei der Steuer aktuelle Verluste mit Gewinnen aus den Vorjahren zu verrechnen.

Das alles muss jetzt sehr schnell passieren und so gestrickt werden, dass die betroffenen Unternehmen für die gesamte Durststrecke, bis Corona per Impfstoff eingedämmt werden kann, eine Perspektive bekommen. Das Geld wäre gut angelegt, denn so können die Unternehmen überleben und nach dem Ende der Pandemie schnell durchstarten.

Anders sieht es hingegen mit der Finanzierung von kräftigen Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst aus. Sicher, viele Beschäftigte haben in den vergangenen Monaten Großes geleistet, etwa die Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern.

Doch Tatsache ist, dass es nichts zu verteilen gibt, schon gar keine 4,8 Prozent mehr. Schließlich leben die Kommunen wegen der Corona-Krise derzeit weitgehend auf Pump. Außerdem hat der Staat mit der Mehrwertsteuersenkung, dem Kinderbonus und anderen Entlastungen aus dem Konjunkturpaket bereits de facto für eine Lohnerhöhung gesorgt. Mehr ist gegenwärtig nicht drin. Das wird in großen Teilen der freien Wirtschaft nicht anders sein.

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