Kolumne

Zahlen zum Zungenbrecher

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Eine neue Studie schafft Hoffnung, auch wenn der Bildungsnotstand vor der biologischen Vielfalt nicht Halt macht.

Biologische Diversität ist für viele eher ein sprachlicher Stolperstein als ein verständliches Konzept. Man kann auch „Biologische Vielfalt“ dazu sagen, was die Sache kaum einfacher macht. Der Zungenbrecher umfasst die Lebewesen der Erde in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit, mit allen Lebensgemeinschaften und Ökosystemen. Was für ein Anspruch!

Immerhin meint „Lebensgemeinschaft“ hier nicht die mehr oder weniger gesetzlich geregelte Beziehung in menschlichen Partnerschaften. Es geht um Biologisches, nicht um Kulturfragen. Entstanden ist er Anfang der Neunziger Jahre, weil der Begriff Artenvielfalt einfach nicht mehr ausreichte, die Mannigfaltigkeit der Natur zu beschreiben.

Eine internationale Konvention, in der Deutschland und fast alle Staaten der Erde Mitglied sind, hatte Biodiversität 1992 weltweit zu einem wichtigen Thema erhoben. Eine Umfrage im Jahr 2007, also 15 Jahre später, ergab aber, dass damals erst 26 Prozent aller bundesweit Befragten etwas anfangen konnten mit den Begriffen „Biologische Vielfalt“ oder „Biologische Diversität“.

Auftraggeber der Studie war das Netzwerk Bio-Frankfurt. Dieser Zusammenschluss umfasst ganz unterschiedliche Organisationen, die zwei Dinge eint: Sie haben ihren Sitz in Frankfurt und Umgebung und sie haben sich der Erforschung und dem Schutz der Biodiversität verschrieben, vom Deutschen Olympischen Sportbund und Zoologischer Gesellschaft über Umweltamt und Zoo bis hin zu Senckenberg, der Universität und der Hochschule Geisenheim.

Viermal legte Bio-Frankfurt seitdem eine solche wissenschaftliche Umfrage vor. Gerade erschien die neueste, und siehe da, inzwischen sind es bundesweit 47 Prozent, die mit den Begriffen etwas anfangen können, also fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Das ist doch erfreulich!

Der Durchschnitt bei den Spitzenreitern Hessen und Rheinland-Pfalz liegt bei über 50 Prozent der Befragten, Schlusslichter bilden im Ländervergleich Niedersachsen und Bremen mit je 38 Prozent. Es lässt sich trefflich spekulieren, wie diese Unterschiede zu erklären sind. Vielleicht hat es damit zu tun, dass das Netzwerk Bio-Frankfurt mit vielfältigen Aktionen und kreativer Öffentlichkeitsarbeit von Frankfurt aus weit in die Region strahlt. Das wäre ein schöner Erfolg des Netzwerkes und man wünscht sich ähnliche Initiativen anderswo.

Das Krisenbewusstsein ist inzwischen ebenfalls hoch: Fast zwei Drittel der Deutschen glauben, dass der Rückgang der biologischen Vielfalt ein großes Problem für die Menschheit ist, in Rheinland-Pfalz und im Saarland sind es gar fast 80 Prozent.

Endlich kommen damit einmal Hoffnung machende Daten zum Thema Biodiversität auf den Tisch und nicht nur Katastrophenzahlen zum Schwund von Arten und Tropenwäldern. Problembewusstsein ist ein wichtiger Schritt in Richtung Handeln. Und für ernsthafte politische Maßnahmen wird der Boden bereitet.

Sorge macht allerdings, dass das Problembewusstsein bei Menschen mit Hauptschulabschluss signifikant niedriger ausgeprägt ist als bei Personen mit hohem Bildungsstand. Es wäre dringend notwendig, dass mal jemand den Bildungsnotstand beseitigt. Wie wäre es mit den Kultusministerien der Länder? Und man hört ja gerade, dass die Bundesregierung sich jetzt wieder um Politik kümmern will. Könnte da bitte Bildungspolitik dabei sein?

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