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Zäsur für die Republik

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Buch über den NSU-Terror unterfüttert die aktuelle Debatte.

Die Morde der rechtsextremen NSU-Terroristen liegen mehr als zehn Jahre zurück. Angesichts der jüngsten Festnahmen wird die Auseinandersetzung mit Terror von rechts erneut wichtig. Mit „NSU – Der Terror von rechts und das Versagen des Staates“ legt der frühere Journalist und heutige Journalismusprofessor Tanjev Schultz ein Buch vor, das als Standardwerk zum NSU-Komplex gelten kann. 

Das erste Standardwerk hatten Stefan Aust und Dirk Laabs 2014 unter dem Titel „Heimatschutz“ veröffentlicht. Damals hatte der NSU-Prozess in München gerade erst begonnen. Schultz ist auf dem heutigen Stand. Er widmet dem Prozess ein eigenes Kapitel und nennt ihn einen „Test für den Rechtsstaat“. 

Am Ende seiner Recherchen kommt Schultz zu dem Schluss: „Das Scheitern des Staates im Fall des NSU ist eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik.“ Das kann jeder unterschreiben, der sich intensiv mit den Vorgängen beschäftigt hat – insbesondere wenn er so akribisch arbeitet wie Schultz. 

Besonders detailreich geht der Autor dem Mord in Kassel nach, wo der Verfassungsschützer Andreas Temme am Tatort gewesen war, dem Polizistinnenmord in Heilbronn, wo Polizisten und Spitzel im Ku-Klux-Klan waren, und dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße („Der Staat schläft“). Schultz nimmt die Vorgänge auseinander, erlaubt sich aber auch, Fragen offen zu lassen, ohne auf Verschwörungstheorien zurückzugreifen. 

„Man darf auch das Ungeheuerliche und scheinbar Unmögliche nicht gleich ausschließen, dafür ist ja gerade der NSU ein Beispiel“, schreibt er über den Mord an Halit Yozgat in Kassel. „Daraus lässt sich nun allerdings nicht der Schluss ziehen, dass alles, was besonders unwahrscheinlich ist, am Ende wahr wäre.“ So bleibt die Rolle des Verfassungsschützers Temme ungeklärt. Es sei aber „nicht ganz so abwegig“ anzunehmen, dass Temme in eine Falle gegangen sein könne, „um den Verdacht auf ihn zu lenken“. 

Welche Konsequenzen sind zu ziehen? Die Forderung nach einer Auflösung der Verfassungsschutzämter teilt Schultz am Ende nicht. „Viele gar nicht so schlechte Hinweise über das Trio stammten vom Verfassungsschutz“, schreibt der Journalistikprofessor. „Dass er damit nicht richtig umging, steht auf einem anderen Blatt.“

Tanjev Schultz spricht am FR-Stand auf der Frankfurter Buchmesse am 11. Oktober, 11.30 Uhr. 

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