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Youtuber Rezo: Vier Millionen Aufrufe für sein Video.

Leitartikel

Youtuber Rezo gegen die Arroganz der Alten

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Der Wahlkampf im öffentlich-rechtlichen Fernsehen misslingt gründlich. Die alten Rezepte greifen nicht gegen die neue rechte Antimedienkultur. Wie es gehen kann, zeigt ein junger Youtube-Star.

Halbwahrheiten. Meinungsmanipulation. Das werfen konservative Parteipolitiker dem Youtube-Star Rezo vor. Seine gefilmte Wutrede „Die Zerstörung der CDU“ wurde inzwischen mehr als sieben Millionen Mal aufgerufen.

Das Video dauert fast eine Stunde und würde von jeder teuer bezahlten Wahlkampfagentur wegen Langweiligkeit abgelehnt werden. Ein 26-Jähriger mit blauer Haartolle sitzt einfach nur da und analysiert konservative Politik. In naiven Infografiken („Ein Grad Erwärmung = Wir, Zwei Grad = Welt kaputt“) und unzähligen Internetlinks benennt er, dass in den vergangenen Jahren die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander gegangen sei, dass es ihn empöre, dass US-Drohnen von Deutschland aus gesteuert würden, und wir nichts gegen den Klimawandel täten. Sein Fazit: „Geht wählen, aber bitte nicht die Verursacher dieser Politik.“ Er hält sich nicht mit der AfD auf, sondern stellt die Verantwortlichen dieser Politik. Und das sind nach seiner Meinung nun einmal vornehmlich CDU und CSU. Das soll Manipulation sein? Es ist Meinung.

Überforderte Moderatoren

Youtube ist nicht das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das alle gewählten Parteien berücksichtigen muss. Schaut man sich an, wie der Fernsehbetrieb in der Woche vor der Wahl Politik vermittelt, kommen Zweifel auf, ob das der Demokratie mehr dient.

Da streckt eine völlig überforderte Anne Will vor AfD-Sprecher Jörg Meuthen die journalistischen Waffen. Der rechte Rand kapert die ARD-Sendung, dominiert, unterbricht – setzt seine Themen. Die Moderation ist überfordert und lässt haarsträubendes Framing unkommentiert stehen. Dafür unterbricht Anne Will Bundesjustizministerin Katarina Barley und die Grünen-Europawahl-Spitzenkandidatin Ska Keller jederzeit. Die lassen das - ganz alte Schule - brav mit sich geschehen.

Unterbrechen oder widersprechen? Da die AfD an keine Konvention bürgerlichen Zusammenlebens gebunden ist, verbreitet Meuthen mit der Schrotflinte eine Unmenge Halbwahrheiten, Unsinnigkeiten und Behauptungen. Das Kalkül geht auf: Irgendwann bleiben diese ununterbrochen und unwidersprochen und so erodiert mit jedem Fernsehauftritt auch die politische Kultur. Die Reizschwelle für rechten Schwachsinn wird stufenweise nach oben gesetzt. Die wichtigen Fragen werden weder gestellt noch beantwortet.

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Kaum besser das „Gipfeltreffen“ der Parteichefs in der ARD. Wieder darf Meuthen als erster seine kruden Schlüsselsätze loswerden. So sehr die Moderatoren darauf achten, dass die „Redezeitkonten“ ausgeglichen sind, alle müssen für die absurden Thesen Redezeit verschwenden. Zu jeder Antwort blendet die Kamera das Gesicht des rechten Rands ein und gibt ihm damit Raum und Bekanntheit. Wann lernen die Regisseure von Wahlsendungen, dass diese alte Dramaturgie nicht entlarvt, sondern nur den Verkündern zynischer Thesen hilft?

Eine der absurdesten Szenen des Wahlkampfs lieferte zur Hauptsendezeit des ZDF die Sendung „Wie geht’s Europa?“. Eigentlich gut und straff moderiert, wird die Konfrontation zugespitzt in einem sogenannten Kurzduell: Grünen-Vertreter Sven Giegold gibt eine kluge Antwort, was er gegen den Klimawandel tun will. Meuthen kanzelt das simpel mit „Narretei“ ab und verteidigt Kohle als klimaungefährlich. Hallo?

Die Generation Youtube muss ernst genommen werden

Der Unsinn bleibt unwidersprochen. Stattdessen: „Sie haben, und das will ich Ihnen auch persönlich sagen, bei den verdeckten Parteispenden genauso viel Dreck am Stecken wie die FPÖ“, kontert Giegold und legt nicht lesbare Papiere auf den Tisch. Der AfD-Propagandist entfaltet darauf ein ausgedrucktes Facebook-Posting, lärmt, beide schreien sich an. Tumult. Die Moderatorin drängt beide zurück auf den Platz,

Das soll Politikvermittlung sein, die besser als Youtube ist? Es bleibt einem 26-Jährigen vorbehalten, die zentralen Fragen der Europawahl zu stellen: Wie viel investieren wir in Klimaschutz? Wie weit sind wir bereit, in einem europäischen Militärbündnis mitzugehen? Was tun wir gegen die wachsende globale Ungleichheit? Welche Konzepte setzen wir gegen Lohndumping und Steuerflucht? Die Politiker wären gut beraten, sich weniger mit dem Abkanzeln von Jugendvideos und dem Abgrenzen rechter Agitatoren aufzuhalten. Sie sollten Antworten auf diese Fragen liefern und sie so vermitteln, dass sie auch die Generation Youtube ernst nimmt.

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