Kolumne

Wunder des üppigen Urwaldes

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Nicht jedes Experiment des Alexander von Humboldt war ruhmreich. Dem Universalgelehrten würde aber auch so manches an unserer heutigen Welt nicht gefallen.

Bildungsmisere war ihm ein Fremdwort. Er erhielt seine Ausbildung bei herausragenden Lehrern. Das ging nur, weil seine Mutter viel Geld in den Privatunterricht investierte, was sicher erheblich dazu beigetragen hat, dass Alexander von Humboldt bis heute als größter deutscher Universalgelehrter gilt.

Hierzulande sowie in Nord- und Südamerika ist er noch immer zumindest so bekannt wie Angela Merkel, wobei deren Rolle als Naturwissenschaftlerin dabei nicht ausschlaggebend ist. Alexander von Humboldt, für Eingeweihte einfach AvH, langweilte sich in seiner privilegierten Kindheit. Sein Bergbaustudium zog er zügig durch und schloss es in weniger als einem Jahr ab. Normal hätte es drei- bis viermal so lange gedauert.

Den kommoden Staatsdienst, für den ihn die Mutter vorgesehen hatte, schmiss er hin, gleich nachdem sie verstorben war und ihm ein Vermögen hinterlassen hatte, mit dem er endlich seinen lange gehegten Wunsch nach einer großen Reise verwirklichen konnte.

Kein Stipendium, kein Projektantrag, einfach genug Geld um unabhängig zu reisen und zu forschen. Also auf in die Tropen. Als Reisegefährten gewann er den französischen Botaniker Aimé Bonpland, der ihn nebenbei auch noch in seiner Muttersprache fortbildete. Zudem tat er ihm schließlich ganz unfreiwillig den Gefallen, zurückgezogen und völlig verarmt in Argentinien zu leben und zu sterben, während AvH seinen Ruhm in den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Zirkeln Europas auskosten und mehren konnte.

Die Reise der beiden von 1799 bis 1804 brachte unendlich viele neue Erkenntnisse. Nie zuvor waren die Tropen so intensiv erforscht worden und nie zuvor hatten Berichte von dort mehr Aufmerksamkeit in Europa erregt.

Gut, dass man damals noch nicht twittern konnte, sonst hätten die beiden forschenden Freunde sicher zu viel Zeit damit vergeudet, Kurznachrichten herumzuschicken oder, noch mehr Neid erregend, Fotos ihrer Reise zu posten.

So musste die Weltöffentlichkeit Jahre warten, bis ein Buch erschien, indem AvH berichtete, dass sie befürchteten, angesichts all dieser Wunder des üppigen Urwaldes von Sinnen zu kommen. Heute könnte man von Sinnen kommen, wenn man sieht, mit welch unglaublicher Brutalität diese Wälder mit ihrem Artenreichtum vernichtet werden.

Die naturwissenschaftlichen Experimente von AvH gefallen uns heute nicht immer. Kleine Krokodile an Bambuskreuze zu fesseln und dann zu messen, wie lange es dauert, bis sie, der Sonne ausgesetzt, an Hitze sterben, oder, unter Wasser getaucht, ertrinken, würde heute zu Recht einen Shitstorm nicht nur von militanten Tierschützern auslösen. Dass er wesentlich an der Abschaffung der Sklaverei beteiligt war, stimmt aber ebenso. Wahrscheinlich würde er heute auch das unmenschliche Hickhack um die Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer mit ebensolcher Abscheu betrachten wie damals den Menschenhandel.

AvH bleibt als Universalgelehrter eine Ausnahmeerscheinung. Der heutige Tag, sein 250ter Geburtstag, ist ein guter Anlass nachzudenken, welche Wunder wir noch erleben können. Inzwischen ist es wohl nötiger denn je, möglichst vielen Menschen eine solide Ausbildung zu ermöglichen. Denn kein einzelnes Genie wird in der Lage sein, die aktuellen Probleme unserer Welt zu lösen. Dazu braucht es viele kluge Köpfe.

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