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Würselen gegen "Weiter so"

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Der neue SPD-Chef Martin Schulz und der Wahlkampf als Party.

Die hundertprozentige Zustimmung der SPD für ihren neuen Vorsitzenden Martin Schulz hat am Wochenanfang die Fantasie der Kommentatoren beflügelt. Schon fragen die ersten, was wäre, wenn Schulz Bundeskanzler würde.

Die ungarische Zeitung „Nepszava“ spielt die Konsequenzen für die eigene Regierung durch: „Falls Schulz Bundeskanzler wird, wäre dies die größte Gefahr für die ungarische Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán“, schreibt sie. „Nun könnte es im September im wichtigsten EU-Mitgliedsland zu einer Wende kommen, mit der noch Mitte Januar selbst die eingefleischtesten Anhänger der deutschen Sozialdemokraten nicht gerechnet haben. Die Orbán-Regierung kann nun die üblichen Diffamierungskampagnen gegen Schulz entfesseln (...), doch den deutschen Wähler wird das nicht im Geringsten kümmern.“

Im Inland wird erst einmal der Wahlkampf thematisiert. Die „FAZ“ konstatiert eine Arbeitsteilung: „Sigmar Gabriel darf Vorsitzender der Kärrner-SPD bleiben, Martin Schulz führt die Spaß-SPD“, heißt es auf der Webseite der Zeitung. In der gedruckten Ausgabe wird der „Durchwürseler“ Martin Schulz kritisiert, weil er als neuer Vorsitzender nicht am Koalitionsausschuss teilnehmen will: „Stattdessen feiert er lieber ein SPD-Fest; das ist insofern konsequent, weil seine Kanzlerkandidatur wie ein einziges Fest inszeniert wird, das den Winter der großen Koalition austreiben soll.“

Die „Frankfurter Neue Presse“ findet es gut, dass Schulz die Menschen emotionalisiert: „Was soll daran schlecht sein? ... Und wenn die Wähler sich wieder begeistern lassen für Politik: Ist das nicht ein Glück für die Republik und die Demokratie?“

Die „Süddeutsche Zeitung“ überlegt, wie die „traditionell eher untertemperierte CDU“ aus der „Schulz-Starre“ herauskommen könnte: „In der Politik, der deutschen jedenfalls, schien die Zeit der leidenschaftlichen Politik, wie sie in der rot-grünen Ära von Gerhard Schröder zumindest noch inszeniert wurde, aus der Mode gekommen zu sein. Das Land genoss die kühl-unaufgeregte Art von Angela Merkel, die angenehm wenig Worte und Gewese um ihre Person und ihre Arbeit macht. Nun erlebt das Land die nächste Wende“, staunt Kommentatorin Susanne Höll. Ihr Rat an die Union lautet schlicht: locker bleiben.

Die „Welt“ sieht das als fatal an. „So richtig es ist, wenn Klügere darauf hinweisen, dass der Hype der SPD möglicherweise zu früh kommt, wäre es dennoch schön, zu wissen, was die Union will – außer Merkel als Kanzlerin ... irgendwie im Amt zu halten“, schreibt Ulf Poschardt. „Und dennoch pfeift es aus der Führung provozierend lasch ‚weiter so‘ und ‚locker bleiben‘. Für Bürgerliche, die mehr Wachstum und Wohlstand erkämpfen wollen, nervt das. Hat die CDU die Lust an sich und dem Land verloren?“

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