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Ablehnende Haltungen gegenüber Sinti und Roma nehmen laut der Leipziger Autoritarismusstudie zu.

Gastbeitrag

Worunter Sinti und Roma bis heute leiden

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Ausgrenzung und Abwertung sind lange nicht überwunden. Um daran etwas zu ändern, genügt es nicht, die Schuld der Nazis anzuerkennen.

Am 2. August 1944 ermordeten die Nationalsozialisten die letzten Sinti und Roma, die die Haft im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau bis dahin überlebt hatten, und auch am 75. Jahrestag wurde dort wieder dieses Massenmordes gedacht. Zu erinnern ist allerdings auch daran, dass die wenigen Überlebenden des NS-Genozids 37 Jahre warten mussten, bis im Jahr 1982 ihre Verfolgung durch den deutschen Staat nicht mehr als „legitim“ eingestuft und erstmalig als Verbrechen anerkannt wurde.

Aus der Arbeit mit Überlebenden des Holocaust wissen wir, dass die gesellschaftliche Anerkennung des Leids eine Grundvoraussetzung ist, um traumatisierende Erfahrungen bearbeiten zu können. Genauso wichtig aber ist die Möglichkeit, selbstbestimmt Gemeinschaft zu entwickeln und in seiner Individualität anerkannt zu werden, um gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

Ausgrenzungen bestimmen das Selbstbild

Doch der Alltag vieler Sinti oder Roma wird nicht nur weiter von Diskriminierungserfahrungen sowie den langfristigen, über Generationen weitergegebenen Folgen der nationalsozialistischen Verfolgung geprägt. Die oft unterschwelligen und alltagsdominierenden Ausgrenzungen bestimmen das Selbstbild vieler und beeinträchtigen die freie Entfaltung.

Ihre Abwertung kann auf jahrhundertealte Bilder und Vorurteile zurückgreifen. Antiziganistische Einstellungen sind bei einem Großteil der Menschen in Deutschland verwurzelt. Anders können wir uns die Zahlen der Leipziger Autoritarismusstudie von 2018 nicht erklären, der zufolge 56 Prozent der Befragten „ein Problem damit [hätten], wenn sich Sinti und Roma in [ihrer] Gegend aufhalten“. Bei den Betroffenen haben diese Erfahrungen existenzielle Auswirkungen. Sie umfassen alle Lebensbereiche und tragen zu einem Unsicherheitsgefühl bei.

Eine Sintezza, die in den 1960er-Jahren nicht auf Klassenfahrt gelassen wird – denn Kinder weggeben hieß für die Mutter, die Auschwitz überlebt hat, sie würden ermordet werden. Ein Sinto, der in der Schule als „Zigeuner“ beschimpft wird, und niemand schreitet zu seiner Verteidigung ein. Eine Romnja, die trotz guter Schulabschlüsse bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz von der Leiterin gefragt wird, wie sie nachweisen könne, dass sie nicht schon mal im Gefängnis war. Ein leitender Polizeibeamter, der auf einer öffentlichen Veranstaltung des Bundesinnenministeriums über Taschendiebstahl von Roma schwadroniert, die sich in „Verbrecher-Clans organisier[en]“ – all das sind keine Einzelfälle, wenn 81 Prozent der befragten Sinti oder Roma in einer 2011 angelegten Studie angaben, persönliche Diskriminierung erfahren zu haben.

Lukas Welz ist Vorsitzender der Organisation „Amcha Deutschland“, die Überlebende des Holocaust und ihre Familien unterstützt. Außerdem begleitet er Selbstorganisationen und Initiativen von Sinti oder Roma.

Eine Mehrheit gibt in der gleichen Studie auch an, sich von Behörden diskriminiert und schikaniert zu fühlen. Regelstrukturen und staatliche Angebote werden dann seltener wahrgenommen, weil eine vorurteilsfreie Hilfe nicht erwartet werden kann.

Wenn sich diese distanzierte Haltung gegenüber staatlichen Stellen über Generationen hinweg manifestiert, dann ist es Aufgabe des Staates, gezielte Angebote zu schaffen, die über eine Symbolwirkung hinausgehen und allen in Deutschland lebenden Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen.

Ablehnende Haltungen gegenüber Sinti und Roma nehmen laut der Leipziger Autoritarismusstudie zu. Auch das Monitoring antiziganistischer Erfahrungen durch die Jugendorganisation „Amaro Foro“ in Berlin zeigt deutlich eine Zunahme.

Es braucht eine explizite Unterstützung

Die Zahlen und Beispiele machen deutlich, dass es nicht nur um Selbstverständlichkeiten wie die Anerkennung vergangener Menschheitsverbrechen oder die konsequente Bekämpfung antiziganistischer Vorfälle gehen kann. 

Es braucht eine explizite Unterstützung von Sinti oder Roma, um ihre gesellschaftliche Teilhabe in allen Lebensbereichen zu erhöhen und die Selbstverwirklichung und freie Entfaltung jenseits von Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft zu ermöglichen.

Diese müsste zugleich die Vielfalt der Communities anerkennen, die sich nicht nur entlang von Traditionen oder Sprachen, sondern auch entlang von Interessen, sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Vielfalt ableiten lässt.

Initiativen wie Queer Roma, das feministische RomaniPhen-Archiv, der 1. Sinti-Verein Ostfriesland oder der Verein Roma Trial zeugen von einem neuen Selbstverständnis der Communities, das leider zu wenig sichtbar ist.

Sinti oder Roma explizit zu fördern, stärkt sie als Akteure und bietet die Möglichkeit, mit über Generationen hinweg tradierten Folgen traumatisierender Erfahrungen zu brechen.

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