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Papst Franziskus spricht von einer moderneren katholischen Kirche. Doch den Worten des Pontifex müssen auch Taten folgen.
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Papst Franziskus spricht von einer moderneren katholischen Kirche. Doch den Worten des Pontifex müssen auch Taten folgen.

Papst Franziskus

Den Worten müssen Taten folgen

  • Joachim Frank
    VonJoachim Frank
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Wenn er die Kirche wirklich verändern will, muss Papst Franziskus seinem Vorstoß zur Familienplanung Taten folgen lassen – und die traditionelle Lehre reformieren. Der Leitartikel der FR beschäftigt sich mit den Nachwirkungen der päpstlichen Worte.

Im Flug bringt Papst Franziskus die Kirche in Turbulenzen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie sie in der römischen Zentrale nach Luft schnappen, sobald der Chef nach Auslandsreisen die Maschine besteigt und mit den Presseleuten plaudert. Mal justiert er dann kurzerhand den Umgang der Kirche mit Schwulen und Lesben neu („Wer bin ich, dass ich sie verurteile?“). Mal räsonniert er über Neuanfänge nach dem Scheitern einer Ehe. Jetzt erklärt Franziskus Geburtenkontrolle zur natürlichsten Sache der Welt.

Denn das ist schließlich der Clou seines Worts von der Fortpflanzung nach Art der Kaninchen. Es ist dem Papst herausgerutscht, weil ihm das, was er damit sagen wollte, so selbstverständlich vorkommt – und es übrigens nach geltender Lehre auch ist: Familienplanung ist das gute Recht katholischer Paare. Die Kinderzahl korrespondiert nicht mit der Glaubensstärke der Eltern.

Bedenkt man, dass die Kirche bis ins 20. Jahrhundert hinein ihre Sexualmoral vom biblischen Imperativ „Seid fruchtbar und mehret euch!“ ableitete, dann wird klar, dass der Papst auf dem Rückflug von Manila nicht bloß eine „unkorrekte“ Flapsigkeit von sich gab. Vielmehr entsorgte er eine Lehrtradition, mit der die Kirche die Menschen über Generationen hinweg traktiert und viel Unheil angerichtet hatte. Die Folgen eines verklemmten, angstbesetzten, mit Schuld und Sünde assoziierten Verständnisses der Sexualität sind bis heute nicht ausgestanden.

Umso mehr käme es darauf an, dass der Papst zu Ende denkt oder die Theologen zu Ende denken lässt, was er da auf unerhörte Weise von sich gibt: Wenn die Kirche „verantwortete Elternschaft“ nicht bloß als ein abgerungenes Zugeständnis begreift, sondern sie den Gläubigen damit tatsächlich einen Freiheitsraum eröffnen will, dann sollte sie sich auch bei der Frage nach der Verhütung heraushalten. Das wäre der vielleicht entscheidende, weil symbolträchtigste Schritt weg von Allmachts-fantasien und klerikaler Regelungswut, die sich bezeichnenderweise auf dem weiten Feld der Sexualität ausgetobt hat.

Aber genau an diesem Punkt, beim Sprung von der Neuorientierung kirchlicher Praxis zur Revision der Lehre, scheut der Papst regelmäßig – wie das Turnierpferd am doppelten Oxer, nachdem es noch eben den Wassergraben locker übersprungen hat. Auch jetzt hat Franziskus mit dem „Ja“ zur Familienplanung eine mentale Hürde genommen, um danach sofort das Nein zu Pille und Kondom zu bekräftigen. Als ob hier umstandslos das Traditionalisten-Argument gelten würde, dass die Kirche nicht ändern darf, was sie von jeher gelehrt hat. Was wäre es für ein Gewinn an Souveränität, wenn sich Bischöfe, Priester und Theologen, die zumindest nominell der geschlechtlichen Praxis und der Gründung einer Familie entsagt haben, in all diesen Fragen zurücknähmen und aus Mangel an Erfahrung für „nur bedingt kompetent“ erklärten! Das hätte etwas mit jenem Taktgefühl zu tun, das Papst Franziskus wiederholt hat erkennen lassen.

Anleihen bei Marx

Mit seinem Auftreten und in seinen Reden macht Franziskus deutlich, dass der Kirche in der Welt von heute in moralischen Fragen Wichtigeres und Dringlicheres aufgegeben ist, als sich en detail mit Bettgeschichten abzugeben. Zumal die Unterscheidung zwischen erlaubten „natürlichen“ Methoden der Verhütung und verbotenen „künstlichen“ Mitteln selbst künstlich und theologisch fragwürdig ist. Möglich, dass Franziskus heimlich Anleihen beim marxistischen Credo „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ macht und sich sagt: Ändert die Kirche ihr Verhalten, geht sie anders – zugewandter, realitätsnäher, erfahrungsgesättigter – mit den Menschen und ihren Problemen um, dann muss sich das über kurz oder lang auch auf die Lehre auswirken. Als „Vorrang der Orthopraxie vor der Orthodoxie“ ist das ein Erfahrungsgrundsatz, der in der Theologie durchaus geläufig ist.

Aber dann müsste der Papst aktuell zumindest so weit gehen, die Normen in Frage zu stellen, die der von ihm propagierten menschenfreundlichen Pastoral in die Quere kommen. Die deutschen Bischöfe haben das überraschend offen getan, als sie zur Familiensynode 2014 nach Rom meldeten, das Familienbild und die Sexualmoral der Kirche seien nach Ansicht vieler Katholiken weltfremd, ja lebensfeindlich.

Franziskus sei nicht so sehr tiefgründiger Gelehrter (wie ein Papst Benedikt XVI.), sondern in erster Linie sensibler Seelsorger, heißt es über ihn. Seine Anhänger mögen das entschuldigend meinen. Man kann es aber auch als Versuch hören, den Papst als unbedarften pastoralen Plapperer hinzustellen: „Der predigt halt viel, wenn die Messe lang ist.“ Wenn Franziskus sich diesen so subtilen wie gefährlichen Angriff auf seine Autorität nicht gefallen lassen will (und er darf es nicht, wenn die Kirche sich durch ihn wirklich verändern soll), dann muss er beide Rollen annehmen, die seines Amtes sind: oberster Hirt und oberster Lehrer. Viel Zeit dafür bleibt ihm nicht.

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