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Richie Havens eröffnete das Woodstock-Festival.

Woodstock

Woodstock 1969: Eine Generation, die sich in ihrem Widerstand selbst entdeckt

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Die wundersame Zusammenkunft von Woodstock ist heute kaum zu verstehen, wenn man sie nicht in Beziehung setzt zu dem Krieg in Vietnam - die Kolumne.

Zehn Jahre danach ging Woodstock in einer Art Camping-Version auf Reisen. Für das Konzertpaket mit Joe Cocker, Arlo Guthrie, Richie Havens, Country Joe MacDonald und Alexis Korner als Moderator waren vier Stationen in Deutschland ausgesucht worden. Wir hatten uns für Düsseldorf entschieden. 22 Mark im Vorverkauf, 250 Kilometer Anfahrt mit Vaters altem Opel und Übernachtung bei Freunden in Köln.

So komfortabel hatten es die Besucher der legendären „3 Days of Peace and Music“ in Bethel nicht. Verstopfte Straßen, endlose Fußwege und improvisierte Schlafgelegenheiten. „New York State throughway is closed“, hatte Arlo Guthrie in die Menge gerufen, sichtlich überwältigt vom Stau, den die Menschenmassen im gesamten Bundesstaat erzeugt hatten.

Die drei Tage von Woodstock, heißt es heute immer wieder, haben eine ganze Generation geprägt. Viele Statements von der Bühne zeugen davon, dass das Bewusstsein, einer solchen anzugehören, damals gerade erst im Begriff war, zu entstehen. „Früher waren wir nur wenige“, rief Janis Joplin, „jetzt gibt es Massen und Massen und Massen von uns.“

Woodstock 1969: ein Festival der Geschmacksbildung und des Konsums

Zweifellos ist Woodstock 1969 ein wichtiges Datum auf dem Weg zur gesellschaftlichen Individualisierung. Letztlich war es auch ein Festival der Geschmacksbildung und des Konsums. Und entgegen dem vielfach formulierten Unbehagen, kontur- und bedeutungslos in einer Menge aufzugehen, ging es hier um das Erlebnis eines Massengefühls, das nicht von vornherein diskreditiert war.

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Das neu erzeugte Wir wollte es aufnehmen mit den anderen, die auf die jungen Männer von Woodstock zugreifen wollten, um sie als Soldaten nach Vietnam zu schicken. Tatsächlich ist die wundersame Zusammenkunft von Woodstock heute kaum zu verstehen, wenn man sie nicht in Beziehung setzt zu dem Krieg in Vietnam.

Den Anfang machte Richie Havens, einfach weil er da war. Ursprünglich hätte er viel später im Programm auftreten sollen, aber wegen des Staus waren die meisten Bands noch nicht eingetroffen. Als man Havens erblickte, bekniete man ihn, zu beginnen. Er spielte über zwei Stunden, und sein emblematisches Stück „Freedom“ war eine Improvisation aus purer Verlegenheit.

Aus dem Wort „Freedom“ wurde die Botschaft, die von Woodstock ausging

Er hatte einfach nichts mehr, was er noch hätte singen können, also wurde aus dem Wort „Freedom“ die existenzielle Botschaft, die von Woodstock ausging. Das Lied mündete in den Blues-Traditional „Sometimes I feel like a motherless child“, das Gefühl des Alleinseins wurde hier gewissermaßen gebunden durch die Anwesenheit der Vielen.

Aber keine künstlerische Naivität ohne gesellschaftliche Brechung. Niemand verkörperte das stärker als Jimi Hendrix. Mit seiner Version der US-amerikanischen Nationalhymne brachte er den Vietnamkrieg auch als Tonspur auf das riesige Gelände.

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Die Gesellschaft der Vereinigten Staaten war wenige Wochen nach der Ermordung von Robert Kennedy weit stärker aufgewühlt als die heutige. Auf dem Gelände des Farmers Max Yasgur wurde ein ganz neues Wir zelebriert.

Von all dem war in Düsseldorf nichts mehr zu spüren. Richie Havens präsentierte ein sorgsam komponiertes Programm, und Joe Cocker, bei dem man sich immer ein wenig sorgte, ob er seine Performance durchstehe, absolvierte eine Show ohne Auffälligkeiten. Wir hatten nichts getrunken, weil wir ja noch mit dem Opel zurück nach Köln fahren mussten.

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