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Im Hamburger Schanzenviertel kam es während des G20-Gipfels zu Ausschreitungen.
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Im Hamburger Schanzenviertel kam es während des G20-Gipfels zu Ausschreitungen.

G20-Krawalle

Woher kommt die Gewalt?

Lassen sich Exzesse wie in Hamburg verhindern? Nur wenn man sich mit den Hintergründen und den Dynamiken beschäftigt. Der Gastbeitrag.

Mit wachsender gesellschaftlicher Vielfalt vollzieht sich auch eine Pluralisierung gesellschaftlicher Normen sowie von Gewaltverständnissen. Im Zusammenhang mit den Hamburger G-20-Exzessen zeigt sich dies deutlich, wobei hier einerseits zwischen linker und rechter und andererseits zwischen reaktiver oder präventiver staatlicher Gewalt differenziert wird.

Die Debatten verlaufen nach dem „Schwarze-Peter-Prinzip“. Wer hat weshalb begonnen, und wer reagierte wie auf die der Gegenseite unterstellte Provokation? Diese Debatten bewegen sich in einer angeheizten Eskalationsspirale geradezu pingpongartig, ohne dass man sich die Mühe machen würde, näher auf die Hintergründe zu schauen, die für diesen Furor verantwortlich sind.

Betrachtet man zunächst die verschiedenen Formen von Gewalttätigkeit, die sich in ganz unterschiedlichen Ausprägungen artikulieren können und jeweils auf verschiedenen Motiven aufbauen, so lässt sich schnell erkennen, wie differenziert die entsprechenden Handlungsstrategien aussehen müssten.

Vier Gewaltformen

Bei den Hamburger Ereignissen kann man von vier Gewaltformen ausgehen: von zweckorientierter Gewalt wie etwa dem Plündern von Geschäften, von affektuellem Reagieren auf nicht alltägliche Reize einer Eskalationsspirale, von kompensierender Gewalt im Rahmen einer Projektion eigener biografischer Demütigungen, die sich auch in politischer Radikalisierung äußern kann („Macht kaputt, was euch kaputt macht“), von Gewalt im Rahmen adoleszenter Identitätsfindung und von Gewalt im Sinne eines „Eigenwertes“, als körperlicher Selbsterfahrung durch Kampf, Erregung und Risikolust.

In der Regel treffen solch unterschiedliche, zunächst eher persönliche Motive im Sinne einer Bereitschaft zur Gewaltausübung bei Ereignissen wie denen in Hamburg auf politisch akzentuierte und zumeist friedliche Artikulationspraxen. Damit werden sie aber zum Bestandteil einer kollektiven Aktion, deren Macht sich über die schiere Größe, die Intensität ihrer Artikulation nach innen wie nach außen darstellt.

Die anfangs vermutlich rein auf Schutzaufgaben eingestellte Polizei gerät in einer solchen Dynamik leicht in die Rolle des Gegners, insbesondere bei dem Teil der Demonstranten, der mit auch anderen Motiven als den rein politisch orientierten teilnimmt. Die Polizei als Akteur ist dann kaum in der Lage, die intrinsische Gewalt von der politischen zu trennen; eine solche Trennung würde sich zudem als Spaltungsversuch der Demonstrationscommunity äußern und die Gegnerschaft zur Polizei verschärfen.

Rausch und Kontrollverlust

Die Eskalationsspirale nimmt Fahrt auf, und die Konfrontationsspannung entlädt sich in einem Furor entgrenzter Gewalt. Die Polizei empfindet sich gegenüber einer überwältigenden Masse von Demonstranten wie „Freiwild einer aggressiven Erlebnisgesellschaft“. Der Exzess wird selbst zum intrinsischen Motiv von Gewalt. Lust im Zusammenhang mit Aggression steht für ein Gefühlserlebnis, welches durch Entgrenzung in einem Rausch aufgehen kann, der Kontrollverlust auf beiden Seiten der Akteursgruppen verursachen kann.

Der Polizei als Verkörperung des Machtmonopols kommt in diesem Prozess die anspruchsvolle Rolle zu, in entgrenzten Situationen Grenzen so sichtbar zu machen, dass eine Selbstregulation auf der anderen Seite noch möglich erscheint. Dies erfordert eine höchst professionelle Abwägung in Situationen, die oft emotional hoch aufgeladen sind.

Will man den Entwicklungen kollektiver Gewaltexzesse wirklich näherkommen, müssen nicht nur sämtliche dieser verschiedenen Motive Einzelner im kollektiven Ganzen einer Großdemonstration betrachtet, sondern darüber hinaus auch miteinander verzahnt und in der Dynamik gegenseitiger Aufschaukelung begutachtet werden.

Orientierte sich die Gewaltforschung über Jahre weitgehend am Modell einer gewaltlosen Gesellschaft, so weisen Häufungen extremer Gewaltereignisse eher auf gesellschaftliche Umbrüche hin. Neue Ordnungen und Maßstäbe bilden sich heraus. Dies geschieht an vielen Fronten: in den Kölner Silvesterereignissen 2015 oder im Hamburger Schanzenviertel, an der Medienfront, in der Politik und in ihren finalen Auswirkungen möglicherweise auch in einer veränderten Rechtsprechung. Dennoch wird man von einer gewissen Irrationalität in Gewalthandlungen ausgehen, die vermutlich gerade deshalb zur Faszination von Exzessen beiträgt.

Wir müssen feststellen, dass wir es mit Begleiterscheinungen globaler Verwerfungen in ihrer nationalen Ausprägung zu tun haben, die wir nicht direkt lösen, aber aushalten können müssen. Das einzige wirklich Regulierbare für solche Widerstand evozierenden Gipfeltreffen ist die Wahl eines weniger vulnerablen Ortes als der einer Metropole. Hier ist der vielleicht nicht ganz ernst gemeinte Vorschlag des Frankfurter Satirikers Michael Herl, auf ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff auszuweichen, fast schon genial.

Rainer Kilb ist Professor an der Mannheim University of Applied Sciences. 

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