Wölfe in Brandenburg

Das Märchen vom bösen Wolf

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Die Vierbeiner waren nicht nur in Brandenburg ein Wahlkampfthema. Das Bundesland streitet auch mit Berlin über die Tiere.

Ein Wahlkampfthema in Brandenburg war der Wolf. Der ist ja seit kurzem zurück, nachdem er hier 200 Jahre fast ausgestorben war. Nun genießt er den höchsten Schutzstatus, den man als Tier in Deutschland so haben kann. 38 Rudel leben mittlerweile in Brandenburg. Das heißt, Landwirte müssen mit Zäunen oder Herdenschutzhunden aufrüsten, um ihre Nutztiere zu schützen, und Jäger sind wütend, weil ihnen die Wölfe den Job wegnehmen.

Interessanterweise entspann sich daraus aber auch ein Konflikt zwischen den Bundesländern Berlin und Brandenburg. Einige Brandenburger Wolfsgegner werfen Großstädtern vor, die Situation mit den Tieren zu romantisieren, weil sie sie nicht zum Abschuss freigeben wollen. Ja, die wenigsten Berliner betreiben Jagd und sehen Wölfe deshalb als Konkurrenz. Und das mit dem Tieretöten können wir ihnen schwerlich vorwerfen, während wir selbst 15 Dönerbuden in Laufnähe haben.

Stimmt schon, auf dem Land ist man näher an der Natur, aber selbst in der Hauptstadt Berlin sind nicht alle Tiere in Volieren oder auf Seite 1 des Berlin-Teils, wenn sie Zwillinge bekommen. Als Katzenbesitzerin werde ich ständig mit tierischen Plagegeistern konfrontiert, von denen nur ein Bruchteil mein eigener Kater ist. Ich muss getötete Ratten in der Mülltonne beerdigen, Flöhe aus der Wohnung vertreiben und Streit mit Streunern schlichten.

Und dann werden wir zwar nicht von Wölfen, aber immerhin von über 100 000 Hunden umzingelt. Davon beißen im Gegensatz zu ihren scheuen Vorfahren auch einige manchmal Menschen und können auch sonst lästig sein. Derjenige unter uns, der noch nie unwürdige Versuche unternommen hat, auf dem Bürgersteig Hundekacke von den Schuhen zu kratzen, werfe den ersten Kotbeutel.

Um die Nichthundefans zu beschwichtigen, erlässt die Stadt immer strengere Gesetze, wie zum Beispiel die Leinenpflicht. Und um die Hundefans wiederum zu beschwichtigen, kontrolliert einfach niemand die Einhaltung derselben. So haben alle was davon.

Selbst Wildtiere leben unter uns. Igel, Waschbären und Füchse sieht man in der Tarifzone A, und wer in den Außenbezirken wohnt, kennt Wildschweine nicht nur mit Rotkohl und Klößen. Ich bin in Hermsdorf aufgewachsen, einige meiner nächsten Nachbarn waren Wildschweine. Sie können Menschen verletzen, Gärten zerstören, Hunde töten und werden trotzdem kein großes Wahlkampfthema.

Vielleicht liegt es ja gar nicht an unserer romantischen Verblendung, dass wir den Wolf weiterhin unter Artenschutz sehen wollen. Sondern vielmehr weil wir hier alle mit so vielen Lebewesen auf engstem Raum zusammenleben, die immer auch eine Zumutung oder gar eine Gefährdung darstellen. Egal ob es Hundehalter sind oder Radfahrer, E-Tretroller-Aufsteller, U-Bahn-Musiker, Parkgriller, Musikhörer oder Autofahrer.

Im Stadtleben geht es darum sich zu arrangieren. Wir lernen zu akzeptieren, dass andere Lebewesen Bedürfnisse haben, die uns persönlich einschränken. Es gibt keinen Lebensraum, in dem alles exakt so läuft, wie man es sich wünscht, und es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Nicht mal im Kiez Prenzlauer Berg.

Ein gesunder Wolf hält ja immer Abstand zu Menschen, ansonsten dürfte auch er gerne mal vorbeikommen. In dem Fall hoffe ich allerdings, dass er nicht auf den Gehweg kackt oder auf dem Radweg parkt.

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