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Leben wir irgendwann auf dem Mars?

Fake News

Mit Wissenschaft gegen die Ohnmacht

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Ignoranz macht die Welt nicht besser. Deshalb demonstrieren Wissenschaftler am internationalen Tag der Erde gegen Fake News und für die Freiheit der Forschung. Der Leitartikel.

Die Menschheit strebt ins Weltall. Und nicht wenige sind davon überzeugt, dass nur das uns retten wird. „Ich glaube nicht, dass wir weitere tausend Jahre überleben, wenn wir diesem zerbrechlichen Planeten nicht entkommen“, sagte jüngst der weltberühmte Physiker Stephen Hawking. Doch wohin sollte die Menschheit fliehen?

Vielleicht auf den Mars, den die Nasa als mögliches Besiedelungsobjekt weiter erkunden will. Vielleicht auch auf jenen Planeten, dessen Entdeckung vor wenigen Tagen verkündet worden ist. Er kreist in 40 Lichtjahren Entfernung um den Stern LHS 1140. Und er könnte lebensfreundlich sein.

Schnell hörte man wieder den Begriff von der zweiten Erde, die da quasi vor unserer Haustür im All schwebe. Doch für Euphorie gibt es gar keinen Grund. Denn nur eine verschwindend geringe Zahl der bisher 5450 irgendwo im Universum entdeckten sogenannten Exoplaneten – die meisten Gasriesen oder Eiswüsten – könnte lebensfreundliche Bedingungen bieten. Und die Chance, zu ihnen zu gelangen, ist gleich null, zumindest für die heutige Menschheit, die Lösungen für ihre aktuellen Probleme sucht.

Mit herkömmlichen Raumschiffen bräuchte man 725.000 Jahre, bis man den erwähnten, neu entdeckten Planeten erreicht hätte. Selbst zum nächsten Nachbarn außerhalb des Sonnensystems, dem 4,2 Lichtjahre entfernten Proxima b, wären es 76.000 Jahre. Mancher hofft zwar darauf, dass chipgroße Minisatelliten entwickelt werden, die es in 40 Jahren bis dahin schaffen könnten. Aber damit hätte man noch keinen einzigen Menschen transportiert, nicht mal eine Fliege.

Und noch etwas: Von all den sogenannten zweiten Erden hat man bisher nur grobe Berechnungen. Man weiß, dass ihr Abstand zum Stern so günstig ist, dass man auf ihnen weder gegrillt noch gefrostet wird. Eventuell gibt es auch eine Atmosphäre. Oder Wasser. Aber noch sind das reine Spekulationen!

Die Begeisterung für das Thema zweite Erde ist allerdings auch verständlich, ja geradezu typisch für den Menschen. Dieser wäre nicht dort, wo er heute ist, wenn er anders dächte. Dafür stehen Namen wie Kolumbus, Magellan, Amundsen, Gagarin und Armstrong. Am höchsten im Kurs stehen immer jene, die Neuland betreten, die Entdecker und Erfinder. Bewahrer und Beschützer sind meist nicht ganz so berühmt. Doch genau um diese geht es in unserer Zeit. Jene Forscher, die dazu beitragen wollen, die eigene Erde zu retten, müssen genauso viel Unterstützung und Öffentlichkeit bekommen wie jene, die zu fernen Planeten streben.

Doch hier gibt es ein Problem. Denn je genauer man über eine Sache Bescheid weiß, desto komplizierter wird sie. Jüngst zum Beispiel haben Klimaforscher festgestellt, dass sich die wellenartigen Luftströme, die die Nordhalbkugel unserer Erde umkreisen, zu bestimmten Zeiten so aufschaukeln, dass sie ins Stocken kommen. Genau dieser Stillstand führt dann am Boden zu extremen Wetterlagen: wochenlangem Regen mit Überschwemmungen oder Hitzewellen mit vielen Opfern. Die Forscher konnten auch nachweisen, dass dies mit der Erwärmung der Arktis zusammenhängt.

Doch viele Leute rufen: Was kann ich denn dagegen tun? Sie fühlen sich ohnmächtig und sagen, Klimawandel habe es schon immer gegeben, und der Mensch habe wahrscheinlich gar nichts damit zu tun. Populisten wie der US-Präsident Donald Trump haben eine solche Haltung sogar zum Prinzip der Politik erhoben. Sie leugnen nicht nur bestimmte Zusammenhänge, sie beschneiden auch die Mittel jener, die sie erforschen.

Gegen diese Politik sind am Wochenende Zehntausende Wissenschaftler weltweit auf die Straße gegangen – in Deutschland versammelten sich Menschen in über 20 Städten zu den Demonstrationen, unter anderem in Berlin, Frankfurt, München, Köln und Freiburg. Auf ihrem March for Science forderten sie Freiheit für die Forschung, protestierten gegen Beschränkungen und „alternative Fakten“.

Denn es ist ja auch so: Nichts über eine Sache wissen zu wollen, macht die Dinge auch nicht besser. Wissenschaft soll eben Wissen schaffen, auch wenn sie nicht gleich für alles Lösungen parat hat. Aber mit dem Wissen wachsen auch die Chancen. Und Ansätze gibt es durchaus. Selbst die Wirtschaft hat längst die Vorteile erkannt, die Investitionen in umweltfreundliche Hochtechnologien mit sich bringen. Diese müssen sich nur weiter durchsetzen.

Die Erde zu retten, das verlangt wahrscheinlich nur einen Bruchteil der Mühen, die es bräuchte, den Mars zu besiedeln. Wie sehr der Mensch ein Kind der Erde ist, zeigt sich in den Bildern, die Künstler über jene fernen, nie gesehenen zweiten Erden malen. Sie besitzen meist blaue Ozeane und grüne Kontinente. Der Mensch ist zwar neugierig auf fremde Welten. Im Grunde aber sehnt er sich nach der vertrauten, heimischen Erde.

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