Gastbeitrag

Das Wissen teilen

  • schließen

Dass Forschung ihre Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vermittelt, ist heute notwendiger denn je. Dazu braucht es neue Strukturen ? und Geld.

Politische Kontroversen wurden in den modernen Demokratien bislang vorrangig entlang der Dimensionen von Interessen und Werten, von Macht und Gegenmacht geführt. Die Debatten um Ursachen und Konsequenzen des Klimawandels und die richtige Strategie im Umgang hiermit stehen beispielhaft für eine fundamentale Verschiebung im öffentlichen Diskurs. Fragen nach Fakten, Evidenzen und wissenschaftlicher Qualität rücken stärker denn je in den Mittelpunkt. Wir müssen alle lernen, mit den Möglichkeiten und Begrenztheiten von Wissenschaft und Forschung selbstbewusst und kritisch umzugehen.

Ob es persönlich wie gesamtgesellschaftlich gelingt, Souveränität im Umgang mit Wissenschaft aufzubauen, ist abhängig von deren eigener Identifikation mit ihrem Auftrag zur Aufklärung und zur Partizipation. Daraus leiten sich auch die Intensität und die Art ab, mit der sich Forschung und Wissenschaft selbst in die Öffentlichkeit begeben.

Ihre breite Rezeption in Gesellschaft und Politik wird bestimmt durch den Rahmen von Öffentlichkeit, wie er durch die klassischen Medien gestaltet wird, genauso wie durch die Internetwelten mit ihren neuen Qualitäten an Offenheit, Direktheit, Schnelligkeit und Globalität. In der Wissensgesellschaft der Zukunft muss die Wissenschaftskommunikation für die Zukunft immer zwingend mitgedacht werden.

Das exponentiell wachsende Volumen an wissenschaftlichen Erkenntnissen und die entsprechende Zunahme an Publikationen wird nach Qualität und Relevanz zu ordnen und aufzubereiten sein. Objektivität, Reliabilität und Validität – nach diesen klassischen Kriterien aus der Testpsychologie wird eine kritische Öffentlichkeit die Präsentation des Systems Wissenschaft zu prüfen haben.

Die Popularisierung von Forschungsmethoden und -ergebnissen wird sich in ganz verschiedene Bevölkerungsgruppen hinein auszudifferenzieren müssen. Aus einer realen oder auch nur gefühlten Exklusivität heraus dürfen nicht Wissenschaftsfeindlichkeit und der Rückzug in die ganz eigenen Blasen von Verdrängung und Vorurteilen entstehen. Lügen und Fake News im Gewand von wissenschaftlichen Wahrheiten müssen durch Basiskompetenzen zum Faktencheck entschärft werden. Dazu kann auch „Citizen Science“ mit der Aktivierung von Bürgerwissen und zivilgesellschaftlichem Engagement beitragen.

Bedarf und Aufgaben stehen bei der Wissenschaftskommunikation aktuell in einem umgekehrten Verhältnis zu deren Kapazitäten und ihrer Wirksamkeit. Die Eigenpublikationen der Wissenschaftseinrichtungen strahlen nicht aus in die breite Öffentlichkeit. Der Qualitätsjournalismus zu Wissenschaft und Forschung hat nicht in allen Medien einen Platz, und wo er Platz findet, werden Wissenschaftsredaktionen gleichwohl eingeschmolzen und Arbeitsverhältnisse sind fragil. In den Wissenschaften selbst ist die Kommunikation als integraler Bestandteil noch keine Selbstverständlichkeit und kein Qualitätskriterium.

Da ist es gut und überfällig, dass jetzt endlich auch in Deutschland eine selbstkritische Diskussion hierzu aufkommt. Reine Appelle werden allerdings nur wenig helfen. Da braucht es Personen und Prozesse, Strukturen und Institutionen. Wissenschaftsjournalisten müssen wieder von festen Stellen aus arbeiten können. Die öffentlich–rechtlichen Medien können hier Vorreiter sein.

Eine Wissenschafts–dpa sollte wertvolle Unterstützung geben können. Das zarte Pflänzchen des Wissenschaftsportals „Science Media Center“ muss deutlich ausgebaut werden. Eine Nationale Akademie für Wissenschaftskommunikation kann zur Geburtshelferin für eine neue Allianz von Wissenschaft, Medien und Politik in Sachen Qualität, Relevanz und Diskursfähigkeit werden. Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen erweitern ihre Maßstäbe bei der Berufung und Förderung ihres Spitzenpersonals um die Dimension der Wissenschaftskommunikation. Gute Lehre an den Hochschulen fördert zugleich die Kommunikationsfähigkeit aus der Hochschule heraus.

Zugegeben: Die Bundespolitik fängt nicht bei null an. Die Durchführung der Wissenschaftsjahre, die Förderung von Wissenschaft im Dialog, die Einrichtung einer Plattform „Bürger schaffen Wissen“ sind verdienstvoll und zugleich sehr überschaubar. Ein wirklich kräftiger Hebel liegt in der Integration von Wissenschaftskommunikation in die milliardenschweren Förderinstrumente wie den Pakt für Forschung und Innovation, den Hochschulpakt und die Forschungsprogramme von Bund und Ländern.

Die öffentliche Hand, aber nicht nur sie, ist auch beim tragfähigen Aufbau einer Institution für einen nachhaltigen Wissenschaftsjournalismus als Dienstleister für die Medien und die Öffentlichkeit gefordert. Das muss jetzt diskutiert werden. Ohne Scheuklappen und finanzielle Scheren im Kopf, ohne Institutionen–Egoismus und ideologische Abwehrmechanismen. Und dann braucht es auch konkrete Entscheidungen.

Ernst Dieter Rossmann (SPD) leitet den Ausschuss für Bildung und Forschung des Bundestages.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare