Kolumne

Der Abgesang auf die alte Normalität ist leicht, wenn es eine  Mittel- und Oberschichts-Normalität war

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Nach Corona nicht wieder zurück zur Normalität: Wenn Reiche dazu aufrufen, wehrt sich etwas in mir. Sollte ich dem nachgeben? Die Kolumne.

Also, der Aufruf der 200 Künstler und Wissenschaftler neulich in der französichen Zeitung „Le Monde“ lässt mich ja nicht los. Der, in dem Film- und Theaterstars von Juliette Binoche über Ralph Fiennes bis zu Robert Wilson die Welt dazu aufgefordert haben, auch nach Corona mit all dem Konsum nicht mehr so weiterzumachen wie bisher. „Nein zu einer Rückkehr zur Normalität“, war die Überschrift und ich fand das sehr inspirierend, habe dann aber doch gleich mal innerlich die soziale Frage in den Ring geworfen.

Weil die Normalität, die Unterzeichnende wie Rufus Wainwright oder auch unser Thomas Ostermeier hier in Berlin bereit sind, der Umwelt zuliebe hinter sich zu lassen, für eine Menge Leute noch nicht mal im Ansatz in Sichtweite gekommen ist. Also diese Mittel- und Oberschichts-Normalität mit Kaffee al gusto, Dienst- und Urlaubsflügen, winters gut gewärmtem Wohneigentum und jeweils der neuesten Version des iPhone, um mal nur die Basics zu nennen. Und weil es zwar zweckmäßig, aber auch unfair wäre, anderen das zu versagen, von dem man selbst genug hatte im Leben.

Andererseits sollte ich, bevor ich so prominent formulierte Vorschläge als zu einfach von der Hand weise, zunächst vielleicht selbst einmal vor der Frage strammstehen, was denn eigentlich ich bisher zum Weltfrieden und zum Überleben des Berggorillas konkret beigesteuert habe – oder beizusteuern gedenke.

Und da zeigt sich rasch, dass all den vielen Worten, die beim Wein gewechselt sein mögen, nur immer recht kurz winzige Taten gefolgt sind, und dass nur das dauerhaft funktioniert, was keine Unbequemlichkeiten verursacht. Oder lassen Sie die Erdbeeren bei Lebensmittelketten wie Edeka oder anderen im Regal etwa stehen, wenn Sie für einen Geburtstagskuchen welche brauchen, nur weil sie in der Plastikschale angeboten werden?

Ich finde sowieso, sagte meine Freundin Melanie jüngst mit Überzeugung, dass man all diese Entscheidungen nicht dem Verbraucher überlassen darf. Herauszufinden, dass die Tomaten in Folie durchaus Bio, aber dafür aus Übersee sind und so. Und das Ganze derzeit mit Maske, mit der einem der Lesebereich der Gleitsichtbrille zuverlässig so beschlägt, dass es irgendwie auch das Denken zu beeinträchtigen scheint!

Kann sein, dass im Lebensmittelbereich wirklich und vor allem das Gesetz gefordert ist, Umweltverträglichkeit normal zu machen. Aber wie ist es mit dem Restleben?

Nimmt man von sich aus eineinhalb Stunden mehr Fahrtzeit in Kauf, um ohne Auto zum Reiten zu kommen? Gibt man den Traum von der Island-Durchquerung endgültig auf? Nimmt man einen Untermieter in die geräumige Dreizimmerwohnung auf, wenn das Kind aus dem Haus ist (Energiekosten!)? Hört man jetzt auf – nachdem man den ersten Friseurtermin verpasst hat –, sich weiter Strähnen machen zu lassen?

Ich meine: Wie fängt man an, sein Leben aus eigenem Entschluss heraus real zu verändern? Und zwar ohne, dass man persönlich davon profitiert, wie es beim 16-Stunden-Fasten oder beim Alkoholverzicht der Fall ist.

Wer von uns ist in der Lage, zu sagen: Ich hätte gerne einen neuen Kühlschrank, habe auch das Geld dazu, aber ich lasse es einfach, weil das der Umwelt nutzt und spende die Summe der Tafel? Ab wann zählt es, ab welchem Moment gibt es kein Zurück, kein Später mehr? Wie wird Absicht konkret und ehrlich? Das ist vielleicht die wirkliche soziale Frage.

Petra Kohse ist Autorin.

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