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Vorbereitungen zum Tag der Deutschen Einheit in Berlin.

3. Oktober

Wirklich so seltsam, diese Ossis?

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Statt die Einheit in Freiheit zu genießen, demonstrieren sie gegen Merkel und Migranten. Sind sie undankbar? Oder hat die Wut nicht doch auch Gründe, die man ernst nehmen muss? Der Leitartikel.

Wie hieß dieser Feiertag noch mal? Richtig: Tag der deutschen Einheit. Auch wenn die Debatten, die sich rund um diesen 3. Oktober abspielen, etwas anderes nahelegen. Manchmal klingt es, als beginge die alte Bundesrepublik einen „Wir-verstehen-die-Ossis“-Tag.

Nein, ganz so stimmt es auch wieder nicht. An den „Was ist-nur-mit-den-Ossis-los“-Gesprächen beteiligen sich durchaus auch Menschen, die östlich der Elbe aufgewachsen sind: Politikerinnen, Journalisten, Expertinnen und Experten, die im heutigen Gesamtdeutschland erfolgreich angekommen sind und sich selber fragen, was da los ist in Dresden, Chemnitz oder Köthen.

Die Frage ist ja berechtigt. Warum marschieren Herr und Frau Normalbürger neben Hitlergruß zeigenden Nazis? Woraus speist sich die oft grenzenlose Wut, die sie in die Mikrofone brüllen?

Die Antwort ist schon deshalb nicht einfach, weil es ungerecht wäre, das Erstarken und die Enttabuisierung extrem rechten Gedankenguts allein dem Osten zuzuschreiben. Auch der Westen ist ja beim Phänomen der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, beim Abwerten der Anderen, beim Verachten Andersdenkender keineswegs ohne Sünde. Es stimmt allerdings auch, dass in den „neuen Bundesländern“ viele dieser Phänomene deutlicher, unverstellter und zahlreicher zum Vorschein kommen.

Bürgerliche Freiheit ein Ergebnis der deutschen Einheit 

Im Wochenmagazin „Die Zeit“ versuchten vergangene Woche Autorinnen und Autoren, das Geschehen zu deuten. Einige drückten sinngemäß ihr Erstaunen darüber aus, dass viele Menschen in der ehemaligen DDR die Freiheit, für die sie damals so mutig auf die Straße gingen, nicht zu schätzen wüssten. Das ist in der Tat erstaunlich. Aber wer der Sache auf den Grund gehen will, sollte sich nicht beschränken auf Appelle, diese Errungenschaft zu genießen.

Ja, die bürgerlichen Freiheiten gehören zu den Dingen, bei denen die Einheit am 3. Oktober 1990 tatsächlich hergestellt wurde. Alle dürfen reisen, natürlich. Alle dürfen ihre Meinung äußern, auch die irrige Meinung, man dürfe seine Meinung nicht äußern. Alle können sich gegen Willkür wehren, notfalls vor Gericht. Genügt das etwa nicht? Nein, das tut es nicht, aus mindestens zwei Gründen.

Erstens: Die Freiheit hat offensichtlich auch Ressentiments und Ideologien hochgespült, die in der DDR unter dem offiziellen Leitbild „Wir sind alle Antifaschisten“ verborgen, aber weder aufgearbeitet noch gar überwunden waren. Auch in der alten Bundesrepublik hat es diese Denkweisen gegeben, aber zumindest der offizielle Diskurs hat sie aufgegriffen und ihre Tabuisierung begründet. Das war ebenfalls nicht durchgehend erfolgreich, aber die Entwicklung verlief eben anders als das amtliche Beschweigen in der DDR.

Schuldzuweisungen an Fremde im Osten hat Ursachen 

So weit der ideologische Teil. Allerdings: Von Nazis mit gefestigtem Weltbild abgesehen, bilden die Schuldzuweisungen an Fremde und das pauschale Verdammen der politisch-medialen „Eliten“ offensichtlich ein Ventil für Befindlichkeiten, die teils ernstzunehmende Ursachen haben.

Offensichtlich, und hier liegt der zweite Grund für die Wut, gibt es ein verbreitetes Gefühl der Ungleichbehandlung. Das hat einerseits mit Hartz IV und Abstiegsangst zu tun – Themen, bei denen sich die „Abgehängten“ in ganz Deutschland eigentlich zusammentun könnten. Aber niedrigere Löhne und Renten im Osten kommend erschwerend hinzu.

Aus Sicht bundesdeutscher Unternehmen waren und sind die „neuen Länder“ vor allem ein zusätzlicher Markt. Entscheidungen über Investition und Produktion fallen allemal in den westdeutschen Konzernzentralen. Kein Wunder, dass es zynisch wirkt, wenn den Menschen im Osten dann auch noch „ihre“ niedrigere Produktivität vorgehalten wird.

Auf die Straße für eine andere Politik

Es ist verständlich, dass aus all dem ein Gefühl mangelnder Anerkennung entsteht. Unverständlich bleibt es trotzdem, Wut und Ärger an Geflüchteten auszulassen. Unverständlich auch, die politischen Eliten einerseits zu verachten, andererseits von ihnen die Lösung aller Probleme zu erwarten wie ein Untertan.

Wer „Merkel weg“ haben will, sollte für eine andere Politik demonstrieren statt gegen Migranten. Das wäre mal eine schöne deutsche Einheit: Diejenigen, die sich von den „Eliten“ nicht mehr gemeint fühlen (können), gehen selbstbewusst auf die Straße für eine Politik tätiger Anerkennung. In Ost und West.

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