Kolumne

Wird wieder alles gut?

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Nach innen schränken wir uns ein, nach außen schotten wir uns ab. Muss das alles sein? Und wichtiger: Wie wird es später?

Eigentlich, das hört man dieser Tage gelegentlich, soll ja alles sein Gutes haben. Ich bin mir da nicht so sicher. Gewiss werden wir gewahr, wie gaga vorher alles war. Doch ist der Preis für diese Erkenntnis nicht zu hoch? Und wie geht es weiter? Wird danach wirklich einiges besser sein? Oder werden Entmenschlichungsmaschinen wie Facebook, Instagram und Twitter endgültig gewonnen haben? Ist es das Aus des Einzelhandels zugunsten von Elendsprofiteuren wie Amazon? Werden wir nur noch auf Bildschirme glotzen, statt an einem großen Tisch zusammenzusitzen? Ist es der Todesstoß für das Bargeld? Werden wir uns wieder näher kommen als zwei Meter? Und – womöglich einer der wichtigsten Punkte – werden wir mit den anderen europäischen Staaten wieder zu einer Union zusammenfinden, wo wir uns doch schon vor der Pandemie immer mehr voneinander entfernten?

„Wir sind in einem parallelen Tanz miteinander verbunden“, schreibt die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri in einem denkwürdigen Essay im aktuellen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ über das Verhältnis zwischen Deutschland und Italien – und mithin zwischen allen Staaten Europas, wenn nicht der ganzen Welt.

Sie schildert darin die Verhältnisse in Italien vor wenigen Wochen und mutmaßt, dass sie exakt den jetzigen in Deutschland entsprechen. Und sie hat recht. Und was in Italien dann kam, das ist uns bekannt. Droht uns also auch ein Bergamo? Womöglich. Wir wüssten es genauer, pflegten wir eine enge, eingespielte und somit funktionierende Zusammenarbeit.

Doch was geschieht? Hilfslieferungen zu unseren engsten Freunden kommen so zögerlich, dass sogar Russen, Chinesen und Kubaner schneller damit bei der Hand sind. Das ist nicht nur peinlich, das ist abscheulich.

Man hätte es wiedergutmachen können. Ein paar Milliarden mehr für Italien und Spanien hätten unser innerdeutsches dickes Hilfspaket nicht wesentlich dicker gemacht, aber nicht nur ein Zeichen der Solidarität bedeutet, sondern auch praktische und wichtige Hilfe.

Man hätte es ein weiteres Mal wiedergutmachen können. Nämlich durch ein massives deutsches Eintreten für Corona-Bonds, also gemeinsame europäische Anleihen zugunsten ökonomisch schwacher Staaten. Die Chance wurde vertan – bislang. So sehr sich die Regierenden in Berlin innenpolitisch durch Großtaten hervortaten, so jämmerlich haben sie außenpolitisch versagt. Das stinkt typisch deutsch miefig kleinbürgerlich.

Ich war schon skeptisch, als man die Staatsgrenzen kurzerhand zu Corona-Grenzen erklärte. Warum? Schlagbäume sind abgebaut, sie sind also nicht leichter zu schützen als innerdeutsche Territorien. Man könnte doch auch staatsübergreifende Gebiete abgrenzen, also zum Beispiel Teile des Saarlands, der Pfalz, Lothringens, des Elsass und Badens? Warum wird der Feind reflexartig im Ausland vermutet?

Gerade in Krisenzeiten sollte man doch in einer Gemeinschaft zusammenhalten, statt sich voneinander abzuschotten wie in finstersten Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals allerdings nahm alles einen anderen Verlauf. Schon wenige Jahre später stießen wir in Italien und Spanien auf herzlichste Gastfreundschaft, als wir wohlgenährt und sonnenhungrig dort ankamen, um unbeschwerten Urlaub zu machen. Mal sehen, was jetzt geschieht.

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