Kolumne

Winter für alle!

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Kalter Ostwind, Schneehaufen an jeder Ecke: So richtig schön war das nicht. Aber nötig.

Berlin wurde endlich wieder angeschaltet. An diesen Frühlingstagen erwacht die Stadt wie aus einem langen Dämmerschlaf. Mit dem ersten Vanilleeis in der Sonne beginnt das gute Leben. Es kribbelt im Bauch – bei mir als Allergikerin leider eher in der Nase – und juckt in den Fingern. Sogar mein alter Kater spürt es. Er ist dermaßen in Frühlingsstimmung, dass ich befürchte, er schaut sich draußen heimlich nach einem 15 Jahre jüngeren Frauchen um.

Für mich sind das immer die schönsten Tage in der Stadt. Noch sind wir zwar alle gezeichnet vom Winter, fahl und augenberingt, aber die Laune steigt. Es sollen sogar ein, zwei lächelnde Berliner gesichtet worden sein, hört man.

Und doch fühlt es sich dieses Jahr anders an als früher, weniger intensiv. Als ich meine Winterklamotten verstaute, fiel mein Blick auf ein Paar Handschuhe, die ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Ich habe sie nie getragen. Nicht, weil sie mir nicht gefallen, sondern weil es einfach nicht kalt genug dafür war.

Wer schon lange in Berlin wohnt, erinnert sich noch mit Schaudern an diese unerbittlichen Winter früher. Alles war damals wochenlang gefroren, der Ostwind ohrfeigte die Menschen links und rechts und Parkbuchten wurden von riesigen Schneehaufen blockiert. Ganz Prenzlauer Berg lief damals in Funktionskleidung herum, in der man auch eine Nordpolexpedition hätte durchführen können.

Diesen Winter dagegen lag die bundesweite Durchschnittstemperatur laut Deutschem Wetterdienst bei 2,8 Grad. Das sind 2,6 Grad mehr als der Durchschnittswert zwischen 1961 und 1990. Auf einen der heißesten Sommer folgte nun einer der mildesten Winter seit Beginn der regelmäßigen Wettermessungen in Deutschland 1881.

In einer Zeit, in der ältere Menschen Sturm laufen, weil Kinder nicht mehr anständig die Schreibschrift lernen, frage ich mich, wieso es so ruhig bleibt, wenn ihnen zukünftig viel wichtigere Kulturtechniken verwehrt bleiben, das Überstehen des Berliner Winters zum Beispiel.

Laut Webseite des Umweltbundesamtes gehen Wissenschaftler davon aus, dass wir in Berlin bis zum Jahr 2100 ein Klima haben werden, wie es derzeit etwa im südfranzösischen Toulouse herrscht. Das klingt erstmal super-attraktiv, aber nur, solange man nicht genauer darüber nachdenkt.

Zwar drohen der Stadt damit noch keine Naturkatastrophen, Kriege oder Hungersnöte wie in vielen anderen Teilen der Welt, aber dennoch wird sie sich durch die globale Erwärmung stärker verändern als durch spanische Hipster und schwedische Immobilieninvestoren zusammen.

Da eine effektive Klimapolitik Kosten und Einschnitte für alle bedeuten würde, wird Deutschland seine Klimaziele ungefähr so gut einhalten wie ich mein Versprechen nach einem Freitagabend mit Freundinnen, nie wieder Alkohol zu trinken. Ich freue mich deshalb über die vielen Kinder mit Schildern und Plakaten, die man hier seit Wochen freitags in Bussen und Bahnen sieht. Es ist ihre Zukunft, für die sie kämpfen, und in der werden Probleme auf sie zukommen, die sie auch mit der schönsten Schreibschrift nicht werden lösen können.

Auch wenn es für uns Einschränkungen bedeutet: Die Generationen nach uns sollen einen der fiesen Berliner Winter zu spüren bekommen. Das sind wir ihnen schuldig.

Katja Berlin ist Autorin.

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