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Ministerpräsident Markus Söder, medienwirksam.

Kolumne

Und wer empfängt die Flüchtlingskinder?

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Mit großer Geste nehmen Politiker eine Ladung Schutzmasken in Empfang. Mal sehen, wie das aussieht, wenn 50 Flüchtlingskinder hier ankommen.

Die meisten Weltenbummler sind wieder zu Hause. Mit einer beispiellosen Rückholaktion hat die Bundesregierung dafür Sorge getragen, dass 200 000 im Ausland pandemiebedingt gestrandete Bundesbürger wieder Heimatboden betreten konnten.

Außenminister Heiko Maas hat sich damit nach immerhin zwei Jahren Amtszeit einem breiteren Fernsehpublikum bekannt gemacht. Dabei hat er die Heimkehrer noch nicht einmal pressewirksam persönlich am Flughafen in Empfang genommen.

Großer Bahnhof für Atemschutzmasken

Präsenz am Flughafen zeigten dagegen der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, als sie, begleitet von Fernsehkameras und Pressefotografen, vor Paletten mit chinesischen Atemschutzmasken posierten. Ja, schön, dass sie gekommen sind, die Masken, aber hinter dem Staatsempfang stand offenbar eine eher plumpe Zielsetzung.

Wer sich wie Andreas Scheuer als Held auf dem Rollfeld zu präsentieren versucht, der hofft wohl, damit abzulenken von seinen weniger heldenhaften Leistungen irgendwo zwischen Fahrradhelmen und im Mautskandal gelöschten Handydaten. Die plastikverpackten 4000 Kartons bekamen fast liebevolle Streicheleinheiten, was allerdings kaum den Eindruck von besonderer Kompetenz der beiden Politiker erwecken konnte.

Das Coronavirus verdrängt alle anderen Themen

In der Tat hat das Coronavirus andere Themen völlig auf die Seite gedrängt. Ist die Pandemie erst einmal vorbei, wird wohl das große Aufatmen beginnen und so manche politische Panne, mancher Skandal droht darüber dem Vergessen anheim zu fallen.

Einen solch triumphalen Empfang, wie ihn Söder und Scheuer den Masken bereiteten, dürfte Horst Seehofer den 50 Flüchtlingskindern wohl nicht zuteil werden lassen, wenn sie aus dem Sumpf der Lager auf den griechischen Inseln kommend in Deutschland landen. Nicht nur, weil es hierzulande und in Europa ein unsägliches, unwürdiges Ringen um das gab, was man als humanitäre Selbstverständlichkeit hätte annehmen dürfen.

Von Triumph also keine Rede. Es wäre zudem überaus peinlich zu sehen, wenn ein leibhaftiger Innenminister an einem so kleinen Grüppchen Minderjähriger die Nächstenliebe seiner Republik demonstrierte. Und das für sich instrumentalisierte.

Lasst nach den Virologen die Wissenschaftler sprechen

Heiko Maas hat 4000-mal mehr Menschen einfliegen lassen. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, denn die kamen nach Hause. Es bleibt offen, ob Deutschland für die 50 aus den Lagern Geretteten zur Heimat werden kann. Oder ob die Stimmen mit braun-blauer Gesinnung bei ihnen erst gar nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass sie willkommen sind.

Dabei beginnt in der christlichen Welt nach der Fastenzeit mit Ostern bekanntlich die Zeit der Freude. Momentan ist es wohl vor allem Vorfreude, dass irgendwann nach dem Osterfest zumindest einige der massiven Einschränkungen individueller Freiheit gemildert werden können.

Es wäre dann höchste Zeit, dass in den Talkshows und Nachrichten neben den Virologen, die wir inzwischen schon alle mit Vornamen kennen, vermehrt Wissenschaftler zu Wort kommen, welche die Kausalitäten zwischen dem Ausbruch von Pandemien und unserer global gestörten Umwelt erklären. Und dass innenpolitische Skandale nicht einfach vergessen werden.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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