Kolumne

Das will etwas heißen

  • schließen

Der Name ist heute nicht mehr ganz so wichtig wie im Mittelalter. Aber das gilt auch wieder nicht für alle.

Eigentlich ist ja – sofern man nicht von Metternich, Beckenbauer oder Waffeleisen heißt – ein Nachname ziemlich unerheblich. Früher, ganz früher, da war das wichtig. Da wusste man sofort, dass ein Herr Müller mahlt, ein Herr Metzger Wurst macht und ein Herr Schmidt es mit glühendem Eisen zu tun hat. Doch spätestens mit dem Aussterben der klassischen Berufe verloren auch Namen ihre Relevanz. Zudem wäre es recht hässlich, Kfz-Mechatroniker zu heißen, Straßenerhaltungsfachmann oder Trockenbaumonteur. Mit dieser Entwicklung ging auch das Image von Namen verloren. Ja, Namen hatten früher ein Image. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.
So sechzehn, siebzehn mag ich gewesen sein, als meine Freundin Birgit plötzlich so komisch wurde. Wir kannten uns seit ein paar Wochen und gingen miteinander, wie es damals so schön hieß. Nun aber wurde Birgit immer verschlossener, sie sagte wenig, auch unser Sex war nicht mehr der Hit. Irgendwann dann kam sie raus mit der Sprache. Herl sei ein schlechter Name, habe ihre Mutter gesagt. Ich wunderte mich. War doch der Name Herl in Pirmasens weit verbreitet, ein verdienter Bäckermeister hieß so, ebenso der Hauptmann der Feuerwehr und ein angesehener Schornsteinfeger. Es half nichts, schon kurze Zeit später musste ich mir eine neue Liebe suchen. Warum aber mein Name schlecht sein sollte, das konnte mir niemand in der Familie erklären. Womöglich hatte irgendwann im Mittelalter einer der Unsrigen ein Huhn gestohlen oder einen Ziegenbock. Sowas hält sich halt in den Köpfen der Menschen.
Mir persönlich schadete dies nicht weiter, bis auf den Verlust von Birgit halt. Ich verließ sowieso kurze Zeit später die Stadt, und in der Fremde wusste man gottlob nichts von dem Herl’schen Ziegenbockdiebstahl. Mittlerweile scheine ich sogar rehabilitiert zu sein, jedenfalls hat man meinen Namen bei Wikipedia in die „Liste Pirmasenser Persönlichkeiten“ geschrieben, zusammen mit dem Dadaisten Hugo Ball, dem Weltmeistertorhüter von 1954, Heinz Kubsch, und dem Rapper Massiv.
Es dauert heutzutage also nicht mehr Jahrhunderte, bis aus einem „schlechten“ Namen ein „guter“ wird. Aber ist das Image eines Namens wirklich nicht mehr wichtig? Bei einigen schon. So verpasst man Kronzeugen zu ihrem eigenen Schutz eine vollkommen neue Identität. Für sie ist das sogar überlebenswichtig. Und für andere eine schiere Notwendigkeit, um wieder in die Gesellschaft integriert werden zu können.
So ist zum Beispiel Gäfgen ein schlechter Name. Magnus Gäfgen ermordete 2002 den Bankierssohn Jakob von Metzler und wurde dafür zu lebenslanger Haft verurteilt. Zudem stellte man eine besondere Schwere der Schuld fest, die Strafe kann also nicht schon nach 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Irgendwann aber doch, und das ist auch richtig so. Deswegen erhielt er vom Bürgeramt der Stadt Kassel einen neuen Namen, und auch das ist richtig so.
Aber wieso gelangte die Urkunde dieses Verwaltungsakts schnurstracks an die Presse, sodass nun der neue Name Gäfgens überall in den Medien stand, zusammen mit allen drei Vornamen? Sieht so eine faire Chance auf Resozialisierung aus, die jedem Menschen nach Verbüßung seiner Strafe zusteht? Oder hat sich seit dem Mittelalter gar nicht so viel geändert?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare