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Was ist Müll?

Kreislaufwirtschaft

Wiederverwenden statt wegwerfen

  • vonNora Sophie Griefahn
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  • Tim Janßen
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Künftig sollte es nur noch Produkte geben, die recycelt werden können. Der Gastbeitrag.

Die Corona-Krise als Chance zu feiern wäre zynisch. Den Neustart, den sie verursacht, nicht für die Installation eines Updates zu nutzen, wäre fahrlässig. Dieses Update ist für unser Ökosystem höchst relevant — ökosystemrelevant. Es sieht eine Wirtschaft vor, in der nichts mehr auf dem Müll landet, sondern alles von der Wiege zur Wiege geht: „Cradle to Cradle“ (C2C).

In einer solchen Welt existiert das menschengemachte Konzept „Müll“ nicht mehr. Sämtliche Produkte werden so geschaffen, dass alle Bestandteile biologisch abbaubar sind oder sortenrein getrennt und bei gleicher Qualität wiederverwertet werden können. Statt das Falsche zu reduzieren, haben wir angefangen, das Richtige zu produzieren. In dieser Welt ist der Gedanke, sich so zu verhalten, als gäbe es uns nicht — etwa „klimaneutral“ — absurd.

Was utopisch klingen mag, ist für andere Lebewesen normal. Auch bei uns Menschen existieren Zehntausende Produktbeispiele, die aus gesunden und kreislauffähigen Materialien bestehen: Teppiche, die die Raumluft reinigen, trinkbares Putzmittel oder Gebäude, die mehr Energie produzieren als sie verbrauchen.

Um aber die Ökosystemrelevanz des C2C-Updates aufzuzeigen, reicht schon ein einfaches Beispiel: Sitzbezüge. Herkömmlicherweise bestehen sie aus syn-thetischen Fasern, die Schadstoffe enthalten – allen voran problematische Flammschutzmittel. Sobald wir uns aufs Sofa oder ins Auto setzen, reiben wir diese Schadstoffe vom Bezug ab und atmen sie dann ein — inzwischen sind sie in Muttermilch und am Nordpol nachweisbar. Nach dem kurzen Dasein als Sitzbezug werden die-se Textilien als Sondermüll verbrannt – genauso wie unzählige andere Kleidungsstücke, Taschen oder Vorhänge, die für Hautkontakt völlig ungeeignet sind.

Hier trifft ökologischer Unsinn auf ökonomischen Wahnsinn: Gewinne, die so erzielt werden, landen auf privaten Konten. Doch die ökologischen Schäden und die Verschwendung begrenzter Rohstoffe zahlen wir alle. Wäre dieser Raubbau im Preis berücksichtigt, wären solche Textilien geradezu aberwitzig teuer.

Das ist im C2C-Update vorgesehen: Unternehmen müssen für die Umweltschäden, die sie verursachen, zur Kasse gebeten werden! Dann können Kundinnen und Kunden entscheiden, ob sie realistisch-horrende Endpreise zahlen — oder ob sie lieber zu C2C-Produkten greifen, die ökologisch durchdacht und dadurch ökonomisch unschlagbar sind.

Der Abrieb von C2C-Textilien ist biologisch abbaubar und für Hautkontakt geeignet. Beim Anbau ihrer Fasern werden Ackerböden nicht ausgelaugt, sondern aufgebaut. Textilverschnitte dienen als Torfersatz. Ihre gesamte Produktionskette ist klimapositiv und ermöglicht die endlose Wiederverwertung von Rohstoffen.

Die Praxis ist das Gegenteil davon. Früher oder später landet alles auf dem Müll. Das vergiftet Gewässer, Böden und Lebewesen, schafft Fluchtursachen und verschärft Generationenkonflikte. Dieses fragile System wird von der Corona-Krise hart getroffen: Wertschöpfungsketten brechen zusammen, eine Rezession historischen Ausmaßes droht.

Dass Firmen gerettet werden, ist verständlich. Nicht verständlich sind Konjunkturprogramme für Technologien, die schon heute von gestern sind. Umweltzerstörerische Produktionsweisen dürfen nicht länger mit Steuern subventioniert werden! Stattdessen müssen wir den Fortschrittsmotor anwerfen, indem wir ökonomische Anreize für ökologische Innovationen setzen.

Für die Installation des C2C-Updates ist der Green Deal der EU daher ein großartiges Tool. Die Summe von etwa einer Billion Euro darf dabei nur jenen Firmen zum ökonomischen Vorteil werden, die ökologische Vorteile schaffen. Unternehmen, die nicht mit der Zeit gehen, müssen eben mit der Zeit gehen.

In einer Welt mit wachsender Bevölkerung brauchen wir nicht weniger Konsum, Technologie und Wirtschaft, sondern bessere Formen davon. Statt also darüber zu reden, was wir reduzieren wollen, sollten wir uns positive Ziele setzen: Wie können wir Lebensräume gesund und lebenswert gestalten? Welche Technologien ermöglichen uns ein Dasein als Nützlinge der Erde?

Die Irrtümer unserer Wirtschaftsweise schwimmen als Müllkontinente im Meer. Diese Fehler müssen korrigiert werden. Dafür müssen wir nach dem Vorbild der Natur wirtschaften und alles in endlosen Kreisläufen zirkulieren lassen. So können wir gut leben und dabei in eine positive Zukunft schauen. Das ökosystemrelevante C2C-Update steht zur Installation bereit.

Nora Sophie Griefahn ist im Vorstand der spendenfinanzierten und gemeinnützigen Nichtregierungsorganisation Cradle to Cradle (C2C).

Tim Janßen ist im C2C-Vorstand.

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