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Wie nah uns der Krieg ist

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Von: Eva Quadbeck

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Demo in Glasgow: Die Chancen stehen gut, dass Putins Krieg identitätsstiftend auf die demokratische Gesellschaft wirkt.
Demo in Glasgow: Die Chancen stehen gut, dass Putins Krieg identitätsstiftend auf die demokratische Gesellschaft wirkt. © Andrew Milligan/dpa

Die tapferen Menschen in der Ukraine haben gezeigt, dass es nötig ist und es sich lohnt, Entbehrungen für die Verteidigung der Demokratie auf sich zu nehmen. Der Kommentar.

Dass die Epoche eines Europas ohne Krieg Geschichte ist, spüren wir noch nicht unmittelbar. Noch nicht. Aber auch die Mitte Europas wird nicht ungeschoren davonkommen. Dieser Krieg auf unserem Kontinent wird den Alltag erheblich verändern. Auch ohne dass der russische Machthaber seine Vernichtungswaffen direkt auf Polen oder Deutschland richtet, werden sich die Auswirkungen des Krieges im täglichen Leben zeigen – wirtschaftlich, finanziell, gesellschaftlich, psychisch und praktisch.

Uns steht eine Energiekrise bevor, in der Gas, Strom und in deren Folge auch andere lebensnotwendige Güter knapp werden könnten. Diese Gesellschaft wird eine Widerstandsfähigkeit brauchen, die die Herausforderungen der Corona-Pandemie noch übertreffen könnte. Man muss keine Schreckensszenarien an die Wand malen. Aber vorbereitet sollte man darauf sein, dass auch ohne Bomben und Panzer die Folgen und Leiden von Krieg das Leben bestimmen werden.

Die Zahl der Flüchtlinge aus der Ukraine wird rasch anwachsen. Zum Glück ist die Solidarität und die Bereitschaft vieler Menschen groß, praktisch und selbstlos zu helfen. Es wird aber auch der Tag kommen, an dem Europa wieder über die Aufnahme von Flüchtlingen und die Verteilung der dadurch entstehenden finanziellen Lasten streiten wird. Es wird auch wieder Rechtspopulisten geben, die ihre Chance wittern, wenn die Moral zum Durchhalten sinkt.

Die Ungewissheit nagt an der Gesellschaft. Was macht Putin als Nächstes? Historische Vergleiche zu 1938, als sich Hitler mit dem Münchner Abkommen das Sudetenland endgültig sicherte, oder auch die Kubakrise 1962, als die Welt am Rande eines Atomkriegs stand, helfen nicht weiter. Sie lehren nur, wie gefährlich und unwägbar solche Lagen sind. Dem Nachgeben der internationalen Gemeinschaft 1938 gegenüber Hitler folgte der Zweite Weltkrieg. Mit der Unnachgiebigkeit der USA in der Kubakrise stabilisierte sich die Lage im Kalten Krieg. Dass der eine oder andere Mechanismus wieder in die gleiche Richtung funktioniert, auch dafür gibt es keine Garantie.

Obwohl gerade zwei Jahre Corona-Pandemie hinter uns liegen, sind die Chancen gut, dass Putins Krieg identitätsstiftend auf die demokratische Gesellschaft wirkt. Die riesigen Anti-Kriegs-Demonstrationen vom Wochenende sind ein erster Beleg dafür. So wie die EU und die Nato aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht sind, rückt in der deutschen Öffentlichkeit ins Bewusstsein, dass Freiheit sich nicht in der Banalität bemisst, ob man in der S-Bahn eine Maske tragen muss oder nicht.

Die tapferen Menschen in der Ukraine haben für ganz Europa Vorbildfunktion entfaltet: Sie setzen ihr Leben für die Freiheit ein und haben damit dem Rest des Kontinents Mut gemacht, dass es sich lohnt, Entbehrungen für die Verteidigung der Demokratie auf sich zu nehmen.

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