In Pakistan, das noch immer stark patriarchalisch geprägt ist, gehört die Diskriminierung von Frauen zum Alltag.
+
In Pakistan, das noch immer stark patriarchalisch geprägt ist, gehört die Diskriminierung von Frauen zum Alltag.

Gastbeitrag

Widerstand macht stark

Am kommenden Mittwoch wird der jährliche Welttag gegen Gewalt an Frauen begangen. Wie notwendig das ist, zeigt sich am Beispiel Pakistan. Der Gastbeitrag von Anbreen Ajaib, Frauenrechtsaktivistin aus Pakistan.

Wenn eine Frau in Pakistan sexuell belästigt wird, dann wird als erstes gefragt: „Was hattest Du an?“, „Warum warst Du allein unterwegs?“ oder „Wieso hat er Dich belästigt und nicht eine andere Frau?“ – Mit anderen Worten: Die Schuld kann nur bei ihr liegen. Hier besteht in Pakistan ein enormer Bedarf an Bewusstseinswandel.

In einem Land, das noch immer stark patriarchalisch geprägt ist, gehört die Diskriminierung von Frauen zum Alltag, auch in der Ehe: Wenn ein Mann seine Frau schlägt, ist die Gesellschaft in der Regel auf der Seite des Mannes. Den Frauen wird beigebracht, sich so zu verhalten, wie er es von ihnen verlangt. In den Medien, vor allem den Fernsehdramen, werden diese stereotypen Geschlechterrollen noch verstärkt. Frauen, die in irgendeiner Form anders sind, ihren eigenen Weg gehen, sind schlechte Frauen.

All diese Überzeugungen tragen zur geschlechtsspezifischen Gewalt bei. Die meisten Frauen wagen es nicht, diese Gewalt zu melden. Zu groß ist die Abhängigkeit vom Täter, zu schwer wirkt die Tradition, sich unterzuordnen.

Vor allem Mädchen und Frauen mit Behinderungen, die in unserem Land in der Regel als schwach und wertlos angesehen werden, sind besonders gefährdet, Opfer von Gewalt zu werden. Sie sind für ihre alltäglichen Bedürfnisse auf andere angewiesen. Das reduziert die Hemmschwelle potenzieller Täter, dieses Vertrauensverhältnis auszunutzen.

Gleichzeitig macht das Angewiesensein auf Hilfe die Frauen oft handlungsunfähig. Wir wissen, dass sie aufgrund ihrer Behinderung auch häufig Opfer sexuellen Missbrauchs werden; etwa weil sie blind sind und den Täter nicht sehen oder gehörlos und sich sprachlich nicht so einfach anderen mitteilen können.

Auch Frauen mit intellektuellen Behinderungen werden immer wieder Opfer sexueller Gewalt. Die Leute glauben, dass diese Behinderung ihr Denken und Fühlen einschränkt, so dass Missbrauch deshalb weniger schwer wiegt.

Frauen, aber auch Männer mit Behinderungen sind in vielen gesellschaftlichen Bereichen Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt – sei es im Beruf, in der Schule oder im Privatleben. Wobei die betroffenen Frauen aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Behinderung gleich doppelt benachteiligt sind. Deshalb ist ihr Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, um ein Vielfaches höher. Und statistisch gesehen lebt eine von fünf Frauen weltweit mit Behinderungen.

Umso wichtiger ist es, die Gesellschaft für ihre Situation zu sensibilisieren. Gemeinsam mit der Christoffel-Blindenmission (CBM) und der Unterstützung der „UN Women“ führen wir deshalb ein Projekt durch, das auf ganz verschiedenen Ebenen wirkt – sozusagen von unten nach oben: Denn die Bewusstseinsbildung muss zunächst in die Gemeinden getragen werden.

Das funktioniert aber nur, wenn wir tief in die Dorfgemeinschaft eintauchen: auf Märkte gehen oder die Menschen bei ihrer Arbeit auf dem Feld begleiten. Nur so lässt sich das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen. Das dauert oft Monate. Ebenso wichtig ist die Aufklärung an den Schulen und die Lobbyarbeit bei den lokalen Behörden. Dazu gehört auch, die Polizeistellen zu sensibilisieren und sie an die bestehenden Gesetze zu erinnern, damit sie gezielt gegen solche Gewaltverbrechen vorgehen.

Ich glaube, das größte Problem der pakistanischen Gesellschaft ist, dass wir Männlichkeit schätzen, und zwar eine patriarchalische Männlichkeit. Deshalb müssen wir den Männern klar machen: Wahre Männlichkeit bedeutet nicht, Frauen zu schlagen, sondern dagegen aufzustehen. Nur so ist es möglich, Verhaltensmuster nachhaltig zu ändern.

Ganz entscheidend aber ist, die betroffenen Frauen selbst zu stärken. Unzählige von ihnen sind zu Hause eingesperrt, leben abgeschottet von der Außenwelt. Das ist grundsätzlich ein großes Problem in Pakistan. Für Frauen und Mädchen mit Behinderungen gilt das umso mehr. Es muss gelingen, diese Frauen am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen, etwa indem sie sich in Selbsthilfegruppen engagieren. Sie müssen spüren, dass sie etwas bewegen können. Nichts stärkt ihr Selbstbewusstsein mehr.

Kein Bewusstseinsprozess aber funktioniert ohne strukturelle Veränderungen. Pakistan verfügt zwar über einige sehr strenge Gesetze zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt. Doch diese Gesetze müssen auch angewendet werden. Und sie dürfen nicht länger Frauen mit Behinderungen ausgrenzen.

Der Internationale Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen ist deshalb eine wirksame Mahnung für Pakistan, aber auch für alle anderen Staaten dieser Welt, die Verpflichtungen aus den von ihnen unterzeichneten UN-Verträgen zu erfüllen.

Anbreen Ajaib ist pakistanische Frauenrechtsaktivistin und Direktorin von Bedari, einer Frauenrechtsorganisation

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare