Katja Kipping und Bernd Riexinger sind 2012 ins Amt gekommen, nun geben sie ihre Ämter ab.
+
Katja Kipping und Bernd Riexinger sind 2012 ins Amt gekommen, nun geben sie ihre Ämter ab.

Leitartikel

Wer führt wohin bei der Linken?

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
    schließen

Die Linke sucht ein neues Führungsduo. Es müsste für ein konstruktives politisches Klima in der Partei sorgen. Der Leitartikel.

Bei der Linken tritt ein, was sich seit Monaten abzeichnet. Katja Kipping und Bernd Riexinger ziehen sich als Vorsitzende zurück und machen den Weg für ein anderes Duo frei. Das ist ein demokratischer Vorgang. Beide haben acht Jahre lang amtiert; das ist für eine linke Partei eine lange Zeit. Es ist aber auch Beleg eines Scheiterns – der Vorsitzenden und der Partei an sich selbst.

Kipping und Riexinger sind 2012 ins Amt gekommen, bei einem Parteitag, der mitsamt seiner Vorgeschichte einer Schlacht glich, die sich demokratische Parteien so eigentlich nicht leisten sollten. Der damalige Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi sprach von „Hass“ – mit Recht.

Das Gift des Hasses war anschließend immer wieder spürbar. Persönliche Animositäten mischten sich mit unüberbrückbaren inhaltlichen Gegensätzen in Fragen der Menschenrechte und der strategischen Ausrichtung der Partei. Und während sich Kipping in der Auseinandersetzung mit Sahra Wagenknecht verschliss, gebrach es dem integren Riexinger noch dazu an strategischen Fähigkeiten.

Es ist bemerkenswert, dass lange vor Kipping auch Wagenknecht, die einen weitaus größeren Anteil an dem Konflikt hatte, aus dem Amt schied. Für beide Frauen haben sich die Streitereien unter Beimischung von Verachtung nicht ausgezahlt. Im Gegenteil: Die Partei und die Beteiligten haben dafür einen hohen Preis bezahlt.

Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass Wagenknechts Ehemann Oskar Lafontaine, der 2012 am Anfang der Schlacht stand und die Streitereien in den Jahren darauf immer wieder befeuert hat, die Folgen zuletzt treffend beschrieb. Kürzlich fragte ihn „Der Spiegel“, warum es bisher keine Nachfolgekandidaten für Kipping und Riexinger gebe. Der 76-Jährige antwortete: „Es ist natürlich ein ziemlich mühseliger Job. Das wollen sich viele nicht antun.“ Eitelkeit und Rivalität verhindere eine erfolgreiche Arbeit.

Die Linke steht deshalb jetzt vor zwei Aufgaben. Zunächst einmal muss sie zwei fähige neue Vorsitzende finden. Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow könnten das – vorausgesetzt, sie vertragen sich so, wie sich Kipping und Riexinger vertragen haben. Ob das gelingt, kann man vorher nicht wissen.

Doppelspitzen sind eine anspruchsvolle Veranstaltung, in allen Parteien. Sie gelingen nur, wenn die Beteiligten ähnliche Vorstellungen haben, ausreichend selbstbewusst sind und gut kommunizieren können. Sonst gelingen sie nicht.

Ein interessanter Kandidat wäre auch der ehemalige Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn – ein ebenso cooler wie kluger Kopf, der dem linken Flügel aber schon zu weit rechts stehen dürfte. Eine große Chance, gewählt zu werden, hätte der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag, Jan Korte. Doch der will sich den Job, um mit Lafontaine zu sprechen, „nicht antun“.

Neben fähigen Personen an der Spitze braucht die Linke eine andere politische Kultur. Sie vertritt zwar nach außen das Prinzip der Solidarität. Doch nach innen ist von Solidarität meist nicht viel zu sehen. Die Spannungen in der Bundestagsfraktion haben zuletzt etwas abgenommen. Dieses Verdienst wird vor allem der neuen Fraktionsvorsitzenden Amira Mohamed Ali zugeschrieben, die das Talent besitzt, sich zurückzunehmen.

Doch Konflikte flammen in der Linken, in der es nach wie vor ein paar politisch besonders Engagierte gibt, schnell auf. Und ob die Partei einen dauerhaften Frieden herstellen kann, der es ermöglicht, Meinungsverschiedenheiten rational und ohne Hass auszutragen, das wird sich zeigen müssen. An einer anderen politischen Kultur hängt jedenfalls dauerhaft mehr als an den Personen an der Spitze.

Wie auch immer: Riexinger – der so viel Rückgrat besaß, jenem Lafontaine die Stirn zu bieten, der ihm in den Sattel verhalf – dürfte in den Ruhestand hinübergleiten. Er ist ein anständiger Kerl geblieben. Das ist in der Politik wie im Leben nicht wenig. Kipping wird man womöglich an anderer herausgehobener Stelle noch einmal wieder sehen. Es wäre ihrem Talent angemessen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare