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Alice Weidel wütet über statistische Zahlen.

Kriminalität

Wenn die Statistik nicht ins Konzept passt

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Die Statistik zur Kriminalität zeigt deutlich: Es ist nicht alles gut, aber bei weitem nicht so schlecht, wie viele behaupten. Der Leitartikel.

Die Zahlen sorgen in der Öffentlichkeit für ungläubiges Staunen. Sie widersprechen nämlich der allgemeinen Wahrnehmung und dem, was viele Menschen glauben oder glauben wollen.

Sie glauben, dass die Zeiten, in denen wir leben, immer unsicherer werden und suchen täglich nach neuen Belegen dafür. Einschlägig interessierte Medien und Politiker verstärken diesen Trend oder kommen ihm doch zumindest gern entgegen – manchmal weil sie glauben, nicht anders zu können.

Längst ist ja auch die These mehrheitsfähig, dass nicht die kriminellen Realitäten ausschlaggebend seien, sondern deren gefühlte Deutung. Da passt der Umstand, dass die Straftaten im vorigen Jahr um fast zehn Prozent zurückgegangen sind und damit so stark wie seit 25 Jahren nicht mehr, naturgemäß nicht ins Bild.

Die angemessene Reaktion auf die Zahlen ist nun freilich nicht, Deutschland für ganz und gar sicher zu erklären, sondern eben jener differenzierte Blick auf das Ganze, an dem es bisweilen sehr fehlt.

Zunahme der Gewalt an Schulen

Tatsächlich ist der Rückgang der Delikte erfreulich. Das gilt vor allem für die Wohnungseinbrüche, die um mehr als ein Fünftel schwanden. Der Schwund ist offenbar die Folge neu eingestellter Polizisten und einer gezielteren Prävention. Der Erfolg ist so wichtig, weil viele Betroffene Einbrüche als traumatisch erleben und in Einzelfällen anschließend sogar in neue Wohnungen ziehen, weil sie es in ihren alten Wohnungen nicht mehr aushalten.

Erfreulich ist weiterhin, dass die Zahl der Diebstähle um 11,8 Prozent schrumpfte und jene der Gewalttaten um immerhin noch 2,4 Prozent. Dass Großstädte wie Frankfurt am Main, Hannover und Berlin Kriminalitätshochburgen sind und bleiben, liegt in der Natur der Sache. Auf dem Land ging es immer schon ruhiger zu.

Besorgnis erregend und nicht hinnehmbar ist hingegen die Zunahme der Gewalt an Schulen. Und nah am Klischee ist der Umstand, dass die Zahl ausländischer Verdächtiger bei Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen im vorigen Jahr mit 1140 nicht mehr weit unter der Zahl der Deutschen mit 1558 lag, obwohl den zehn Millionen Menschen in Deutschland ohne deutschen Pass rund 70 Millionen Deutsche gegenüberstehen.

Es gibt dafür durchaus Erklärungen. Eine Erklärung besagt, dass sich unter Migranten besonders viele junge Männer befinden und junge Männer besonders häufig gewalttätig werden, egal welcher Nationalität sie sind. Eine andere Erklärung lautet, dass ausländische Verdächtige öfter als andere Gruppen mit Anzeigen rechnen müssen. Überhaupt ist das öffentliche Aufsehen dann größer. Das gilt für politische Gewalt ebenso wie für Sexualdelikte. Gleichwohl liefern die Zahlen jenen argumentative Nahrung, die weitere Zuwanderung ablehnen.

Spirale der Angst

In der Summe aber – und das ist der zentrale Punkt – gibt die Statistik weniger Aufschluss über die Kriminalität als über uns, die Deutschen. Denn offensichtlich bilden die in den vergangenen Jahren wachsenden Warnungen vor steigenden Delikten vor allem die grassierenden Ängste ab, die in dieser Gesellschaft existieren.

Ja, wir sind eine unsichere, nervöse und teilweise sogar hysterische Gesellschaft geworden, in der die allgemeine Furcht und das persönliche Erleben zunehmend auseinanderklaffen, angeheizt von den sozialen Netzwerken. Die „Flüchtlingskrise“ und die teils unkontrollierte Zuwanderung von über einer Million Menschen haben die Unsicherheit einerseits vergrößert und andererseits überhaupt erst sichtbar gemacht.

Und jeder neue Zwischenfall zumal unter Beteiligung von Migranten setzt diese Spirale der Angst aufs Neue in Gang. Der Behauptung, dass es so unsicher im Land doch gar nicht sei, wohnte zuletzt beinahe etwas Widerständiges inne.

Alice Weidel wiederum protestiert gegen Zahlen

Der Rest war und ist billige Instrumentalisierung mit niederen Motiven. So veröffentlichte der Polizeigewerkschafter Rainer Wendt vor zwei Jahren ein Buch mit dem Titel „Deutschland in Gefahr“. Augenscheinlich wollte er damit vor allem Kasse machen. In dem Buch heißt es: „Spätestens wenn Verteilungskämpfe größer werden und die Leistungsfähigkeit des deutschen Steuerzahlers zurückgeht, brechen offene Unruhen und Kämpfe zwischen unterschiedlichsten Gruppierungen aus und werden kaum beherrschbar sein, jedenfalls nicht mit einer kaputtgesparten Polizei.“ Wäre da nicht der Hinweis auf die deutschen Steuerzahler, müsste man sich heute fragen, über welches Land Wendt da eigentlich geschrieben hat. Brasilien? Südafrika?

Die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel wiederum protestierte am Montag wütend gegen die Zahlen. Verwunderlich ist das nicht. Sie kann damit politisch naturgemäß nichts anfangen.

Nein, es geht weder darum, alles schlecht-, noch darum, alles schönzureden. Es geht oder es sollte gehen um eine gelassene Wahrnehmung der Wirklichkeit. Davon waren wir, wenn von Verbrechen die Rede war, zuletzt allzu weit entfernt. Die Kriminalitätsstatistik sollte dazu führen, dass sich dies wieder ändert.

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