Kolumne

Wenn sich Dreißigjährige an 1946 erinnern

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Die Ostler und die Westler erzählen sich brav ihre Geschichten, und das geht etwa so: Der Ostler erzählt seine Geschichte, und der Westler hört ihm eventuell zu. Die Kolumne.

Je mehr Zeit seit dem Mauerfall vergeht, desto ostdeutscher werde ich. Und ich weiß gar nicht, ob das so gut ist. 1990 fühlte ich mich null ostdeutsch. Ich las wenig DDR-Schriftsteller, hörte keine Ostmusik. Jetzt lese ich Hedda Zinner, trauere um den Tod von Werner Heiduczek und höre „Feeling B.“

Ich habe ein Lied der Band von 1992 entdeckt: „In der Uno steht ein leerer Stuhl, darauf saß ein Mann aus Suhl/ In Kenia gibt es eine Botschaft weniger, es traf einen Mann aus Jena/ Ich such die DDR und keiner weiß, wo sie ist.“ Wenn das so weitergeht, schwenke ich bald im FDJ-Hemd Fähnchen. Ich bin da, wo die Westler mich wollen.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat ein neues Buch mit dem Titel „Die Übernahme“ geschrieben, es erscheint nächste Woche. Darin beschreibt er, wie die ostdeutsche Identität in den Neunzigern von westdeutschen Intellektuellen wie Arnulf Baring konstruiert wurde. Kowalczuk schreibt: „Seit 1990 wird gebetsmühlenartig wiederholt, wir müssten, um uns besser zu verstehen, nur unsere Geschichten erzählen.“ Gemeint war, dass Ostler ihre Geschichte erzählen. Denn: „Nur das unbekannte Wesen muss seine Geschichte erzählen“, sagt Kowalczuk.

Alle erzählen und erzählen, seit dreißig Jahren schon, die Jüngeren erzählen noch vehementer, wie ostdeutsch sie sind. Doch was hat es gebracht?

Ich muss an dieser Stelle erzählen, wie ein Kollege aus Bayern kürzlich sagte, das Beste an der Wiedervereinigung sei doch gewesen, dass die DDR-Pläne zum Abriss von Prenzlauer Berg nicht umgesetzt wurden. Sonst hätte man die schönen Wohnungen nicht kaufen können. Er meinte das nicht böse, wirklich nicht.

In dem Buch „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling klagt die schwäbische, weniger reiche Erzählerin Resi, wie sie von den viel reicheren Schwaben aus dem Stadtteil Prenzlauer Berg verdrängt wird. Dass Resi womöglich auch schon frühere Bewohner verdrängt hat, dazu kein Wort. Ostdeutsche oder Ost-Berliner kommen in dem Buch gar nicht vor, beziehungsweise nur der Bezirk Marzahn, als Horrorszenario. Das Buch hat den Deutschen Buchpreis gewonnen.

Diese Woche war ich mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, gebürtig in Frankfurt (Oder), in Brandenburg und Sachsen, um den ostdeutschen Wähler zu ergründen. Unter den mitreisenden Kollegen waren lauter Journalisten, die sonst über die Bundespolitik und die SPD berichten. Üblicherweise ist die Bundespolitik-Berichterstattung fest in westdeutscher Hand. Man traut den Ostdeutschen inzwischen auch bei den Überregionalen zu, über den Osten zu schreiben, aber über die Bundes-SPD dann doch lieber nicht.

So gesehen war die Ost-Quote bei den mitreisenden Journalisten hoch: Wenn ich mich nicht verzählt habe, war in der Gruppe von 25 Kollegen außer mir noch ein Ostler dabei. Franziska Giffey erzählte, mit welcher Wucht der Umbruch 89/90 in das Leben jedes Einzelnen eingegriffen hat.

Sie redete und redete, irgendwann machte sich eine Journalistin einer großen, wichtigen Zeitung Luft. „Ich kann das Gerede von Traumatisierung nicht mehr hören. Wir hatten 1946 auch nichts zu essen, das war schlimmer als 1990“, sagte sie. Die Frau war Ende dreißig, es schien unwahrscheinlich, dass sie damals mitgehungert hatte.

Sabine Rennefanz ist Autorin.

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