Der will nur spielen: Tischtennis-Roboter auf der Hannover Messe.
+
Der will nur spielen: Tischtennis-Roboter auf der Hannover Messe.

Leitartikel

Wenn der Roboter lockt

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
    schließen

Die Automatisierung der Arbeitswelt ist Vision und Alptraum zugleich. Dieser Prozess verläuft evolutionär und nicht revolutionär. Gestaltet werden muss er aber dennoch.

Die Bildproduktion von der Hannover-Messe hat in diesem Jahr ein dominierendes Motiv. Den Roboter, der Tischtennis spielt, der Werkstücke zusammensteckt oder – noch besser – mit seiner Stahlhand feinfühliges Händeschütteln mit Menschen aus Fleisch und Blut vollführt. Eine zweite Auffälligkeit sind – wie schon kürzlich an gleicher Stelle bei der Computermesse Cebit – die Lego- und Modellwelten an vielen Ständen. Im Kleinformat sollten sie zeigen, wie die vollautomatisierten Fabriken der Zukunft aussehen sollen. Doch Bausteine verklemmen sich auf Förderbändern. Die selbstfahrenden Laster wollen einfach nicht losfahren und kippen ihre Last (Bausteine) schon am Startpunkt ab.

Pannen in der Legowelt stehen im krassen Widerspruch zur Rhetorik der Aussteller. Schlagworte wie „Internet of Things“ und „Disruption“ sollen suggerieren, dass spätestens morgen ein Schalter umgelegt und alles anders wird. Da ist zwar viel Marketing-Geklingel im Spiel. Allerdings weisen die neuesten Entwicklungen tatsächlich auch in neue Dimensionen. Technologien wachsen zu einer Art Supersystem zusammen: Zu riesigen Datenmengen, die in der Fertigung, im Vertrieb und von Kunden gesammelt werden, kommt immer raffiniertere Software für deren Analyse. Alles verdichtet sich im Begriff von der vierten industriellen Revolution (Industrie 4.0), die Prozesse so eng miteinander verzahnt, dass sie sich selbst steuern können. Die Fabrik, in der Roboter werkeln, die ihren Einsatz immer weiter optimieren, da sie voneinander lernen: Das ist die Verheißung und zugleich der Horror der Hannover Messe 2017.

Von wegen Mensch-Maschine-Handshake als Sinnbild der Versöhnung des Arbeiters mit dem Roboter. An warnenden Worten vor der allumfassenden Digitalisierung der Lebens- und Arbeitswelten fehlt es nicht. Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert Shiller macht sich unter anderem Sorgen um Taxifahrer, die arbeitslos würden, wenn sich eines Tages Roboterautos durchgesetzt haben. Für manche Menschen gehe es angesichts der Digitalisierung schlicht um die Frage, „ob sie überleben können“.

Ein anderes mahnendes Beispiel ist für den US-Informatiker und Aktivisten Jaron Lanier die Musikindustrie. Sie sei „auf ein Viertel ihrer einstigen Wirtschaftskraft“ geschrumpft – wegen der Ablösung der Vinyl-Platten und der CDs durch den Vertrieb der Songs über das Internet. Es kursieren Hochrechnungen wonach in industrialisierten Ländern die Hälfte aller derzeitigen Arbeitsplätze bis 2025 wegfallen kann – inklusive tiefer Einschnitte für die Mittelschicht. Denn Roboter und andere Apparaturen können nicht nur den Taxifahrer und den Malocher am Fließband überflüssig machen. Auch die Arbeit von Werksleitern oder Instandhaltungsfachkräften können Algorithmen/Roboter übernehmen.

Doch bei den Horror-Hochrechnungen wird gerne der Fehler gemacht, dass wir von der Jetztzeit umstandslos in eine Welt in zehn oder 15 Jahren gebeamt werden. So einfach geht das nicht. Industrie 4.0 braucht unter anderem eine vollständige Erneuerung der Geräte- und Maschinenparks, wofür in den nächsten zehn Jahren nach groben Schätzungen von Wissenschaftlern EU-weit mindestens die schwer vorstellbare Investitionssumme von 1500 Milliarden Euro benötigt würde. Das Geld muss erst einmal aufgetrieben und ausgegeben werden, was sich insbesondere im Mittelstand hinziehen dürfte, der traditionell sehr zurückhaltend ist, wenn es um den forcierten Einsatz von IT geht.

Der Wandel kommt, allerdings als evolutionärer Prozess. Das Paradoxe an der Digitalisierung ist, dass ihre Geschwindigkeit von Pessimisten überschätzt, dass der gesamte Prozess von Politikern aber unterschätzt wird. Wie anders lässt sich erklären, dass hierzulande die staatlich gesteuerte Bildung sich in ihren Inhalten und Methoden noch immer am bildungsbürgerlichen Erbe des 19. Jahrhunderts orientiert. Höchste Zeit, dass technischen Innovationen auch Innovationen beim Lernen und Lehren folgen.

Noch viel gravierender natürlich sind die Veränderungen in der Arbeitswelt selbst. Es werden nicht nur Jobs gestrichen und neue geschaffen. Arbeit kann komplett neu organisiert werden. Smart-Factories in Frankfurt oder Berlin lassen sich künftig mittels Tabletrechner von einem beliebigen Punkt auf dem Globus steuern, sofern es eine halbwegs funktionsfähige Mobilfunkverbindung gibt. Ein Autobauer kann seine Entwicklungsabteilung an ein Heer von (schein)-selbstständigen Ingenieuren auslagern, die in Sibirien oder auf Feuerland vor Computern sitzen.

Hier müssen dringend neue Spielregeln geschaffen werden, da die Nutzung globaler Schwärme von Know-how ganz neue Formen der Ausbeutung birgt – den Kindereien in den Legowelten zum Trotz. Wir brauchen soziale Innovationen, insbesondere eine neue Dimension der Mitbestimmung, die es ermöglicht, dass die Beschäftigten auf Augenhöhe mit dem Management die digitale Transformation gestalten.

Mehr zum Thema

Kommentare