Kolumne

Wenn nichts mehr schmeckt

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Augen auf bei der Wahl des Tischnachbarn in einer Gaststätte. Eine schlechte Wahl kann einem auf den Magen schlagen.

Eigentlich wollte ich heute ja etwas anderes thematisieren. Aber es geht einfach nicht. Zum ersten Mal im Leben geht gar nichts mehr. Buchstaben purzeln durch meinen Schädel, lassen sich mit dem besten Willen nicht in eine sinnvolle Ordnung bringen.

Grund dafür ist ein Erlebnis, das mir nachhaltig die Schriftsprache verschlug. Es begab sich vergangenen Samstag, in den letzten Strahlen der Nachmittagssonne, im Außenbereich eines Lokals. Viele Gäste saßen da, und mir war nach Wein. Vor mir saßen zwei alte Damen, von denen ich in der ersten Sekunde dachte, sie seien reizend.

Ich fragte sie höflich, mich dazusetzen zu dürfen. Sie nickten – von nun an ging’s bergab. Die Schrapnelle waren zeitlos teuer und geschmacklos gekleidet und unterhielten sich laut, schrill und emsig in breitem Frankfurter Dialekt, den sie immer wieder mit einem Tupfen ungelenkem Hochdeutsch zu verzieren suchten. Ohne Erfolg.

Da half auch nicht die distinguierte Beschreibung eines Kurzurlaubs, den sie gebucht haben. Eine Kreuzfahrt an den Nordpol, pro Madame sechstausend Euro, ohne Trinkgeld, hi, hi, kreisch. Dreißig Grad minus soll es dort sein. Weißte, was ich da mach’? Ich ziehe zwei Nerze übereinander.

Dieses Mal kein Lachen. Es war ernst gemeint. Jede kriegt ein Schnitzel. Eine ohne Salat, den isst sie nicht. Die andere schüttelt den Kopf und zuckt entschuldigend die Schultern. Wie kann jemand keinen Salat essen!

Ich bestellte Wein. Pfälzer Riesling. Ach, da fahren wir nächste Woche hin. Nach Deidesheim. Kennen Sie das? Ich nicke. Da hat der Helmut Kohl immer Saumagen gegessen, im Deidesheimer Hof. Dort wohnen wir. Klar, wo sonst, dachte ich mir. Ja, ja, der Kohl. Der letzte große Staatsmann, den wir hatten.

Noch versuchte ich, einigermaßen versöhnlich zu bleiben und sagte, das sei ja im Sport genauso. Leute wie Franz Beckenbauer, Günther Netzer oder Uwe Seeler, die gibt es nicht mehr. Ich Hornochse! Die eine nickt sofort zustimmend und führt diesen Türken an, der bei der Nationalhymne nicht mitgesungen hat. Den würde sie doch sofort vom Platz knüppeln, den Dreckstürken. Die andere nickt zustimmend in meine Richtung.

Mein Wein schmeckte plötzlich nach Kork. Und auch sonst wurde alles elendiger. Ich sagte noch, das sei schließlich eine Fußballmannschaft und kein Gesangsverein. Sie hören gar nicht zu.

Der soll mitsingen, auch wenn er kein Deutscher ist. Aber der ist doch Deutscher, der spielt schließlich in der Nationalmannschaft, sagte ich. Der ist doch kein Deutscher! Der ist Türke. Die Afrikaner sind ja auch keine Deutschen! Welche Afrikaner? Ei die, die da spielen. Sie meinen Boateng? Ja. Der. Und die anderen.

Ich versuchte mich noch kurz in einer Erklärung. Vergeblich. Dann fuhr ich noch kurz aus der Haut, wurde laut, konnte nicht anders. Auch vergeblich. Fortan flüstern die beiden nur noch miteinander. Mein Wein korkte noch mehr, und ich stolperte wortlos davon.

Seit Jahrzehnten gerate ich mit Rassisten und Nationalisten aneinander. Aber das da eben? Kann jemand so bescheuert sein? So in seiner eigenen Weltfremdheit großkotzen? So was hatte ich noch nie erlebt. Und darüber hinweg bin ich noch lange nicht. Deswegen war es mir dieses Mal auch nicht möglich, eine Kolumne zu schreiben. Oder fast nicht.

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