Gastbeitrag

Wenn das Metall zum Erzfeind wird

Der Abbau von Grundstoffen für unsere Industrie ist oft eine Gefahr für Mensch und Umwelt. Die Politik tut viel zu wenig dagegen. Der Gastbeitrag.

An diesem Montag beginnt die Hannover-Messe, und auch in diesem Jahr zeigen heimische Industrieunternehmen gerne, dass und warum sie mit ihren Produkten „Made in Germany“ Exportweltmeister sind. Dazu brauchen unsere Schlüsselindustrien wie die Automobilbranche, das Bauwesen sowie der Maschinen- und Anlagenbau jede Menge Stahl und Aluminium.

Deutschland ist weltweit einer der größten Importeure von Eisen- und Stahlerzeugnissen sowie Aluminium. Fast 100 Prozent der in der deutschen Metallverarbeitung eingesetzten Metallerze beziehen deutsche Hersteller aus dem Ausland. Gut die Hälfte der Eisenerze stammt aus Brasilien. Ihren Bedarf an dem Aluminium-Grundstoff Bauxit decken die hiesigen Firmen zu 95 Prozent mit Importen aus dem westafrikanischen Guinea.

Der deutsche – und EU-weite – Hunger nach Metallen hat erhebliche ökologische und soziale Risiken und Nebenwirkungen. Beim Abbau der Mineralien und bei der Metallproduktion selbst werden weltweit Wälder gerodet, Flüsse verschmutzt, Grundwasservorkommen ausgebeutet und Treibhausgase freigesetzt.

Im Januar kostete ein Dammbruch in einer Mine des brasilianischen Bergbauunternehmens Vale wahrscheinlich 300 Menschen das Leben. Die Region um den Paraopeba-Fluss wird voraussichtlich auf Jahrzehnte zerstört sein. Aktuell gibt es von einer weiteren Vale-Mine östlich von Belo Horizonte beunruhigende Nachrichten. Auch dort droht ein Dammbruch, die umliegenden Gemeinden wurden bereits evakuiert.

Bei den Schäden für Mensch und Umwelt, die der Abbau von Mineralien für die Metallgewinnung verursacht, bleiben zudem dessen indirekte Folgen kaum beachtet. So gehört zu den Auswirkungen des Tagebaus in der Mine von Vale im brasilianischen Carajás die fast völlige Zerstörung des Regenwalds entlang der 80 Meter breiten und 890 Kilometer langen Schienenstrecke, über die das Erz zum Atlantik transportiert wird.

Man stelle sich vor, Lidl, Rewe oder Edeka könnten heutzutage nicht sagen, von welcher Plantage die Bananen stammen, die sie verkaufen. Nicht nur Entwicklungsminister Müller wäre dann sauer. Aber viele deutsche Unternehmen, die Stahl oder Aluminium verarbeiten, wissen in der Tat nicht, woher genau die Rohstoffe dafür stammen. Sie können somit nicht sagen, welche Folgen für Umwelt und Soziales entlang der Lieferkette entstehen.

Die Liste der Risiken ist lang: Welche Auswirkungen hat der Abbau auf die biologische Vielfalt? Wie hoch sind die Luft- und Lärmemissionen? Gibt es Bodenkontaminierungen? Wie werden saure Grubenwässer gemanagt? Gibt es sichere Rückhaltebecken? Wird für die Infrastruktur rund um die Mine weiterer Lebensraum für Mensch und Natur zerstört und zerschnitten? Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wie werden die Anwohner geschützt und informiert? Ist der Abbau überhaupt legal? Und so weiter ...

Zu Recht hat Sophia Pickles von Global Witness vor einer Woche an dieser Stelle von den betreffenden Unternehmen mehr Verantwortung für die eigenen Lieferketten eingefordert. Unkenntnis über Ort und Art des Bergbaus ist grob fahrlässig. Internationale Mining-Konzerne dringen sogar immer weiter in Schutzgebiete und Weltnaturerbestätten vor.

Betroffen von Bauxit- und Eisenerzprojekten sind aktuell unter anderem das Great Barrier Reef in Australien, der Nationalpark Emas im brasilianischen Savannenhochland Cerrado oder das Strenge Naturreservat am Mount Nimba im Länderdreieck von Guinea, Liberia und der Elfenbeinküste. Spätestens hier hat Bergbau nichts verloren.

Wo die freiwillige Selbstkontrolle der eigenen Lieferketten nicht funktioniert, ist aber auch mehr politische Regulation gefragt. Zwar wird in der EU ab 2021 die sogenannte Konfliktmineralienverordnung für alle Mitgliedsländer verpflichtend. Sie soll sicherstellen, dass die EU-Importeure von Zinn, Wolfram, Tantal und Gold internationale Beschaffungsstandards einhalten. Diese wurden von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) festgelegt. Aber die Liste der Mineralien ist löchrig wie ein Schweizer Käse. Bauxit und Eisenerz fehlen bisher ebenso wie Kobalt, seltene Erden oder Coltan. Unklar bleibt auch, welche Konsequenzen es für Unternehmen hat, wenn sie die Verordnung nicht einhalten.

Dringend geboten sind daher gesetzlich festgeschriebene Umwelt- und Sozialmindestanforderungen für den EU-Import aller mineralischen Rohstoffe. Wichtig sind zudem konkrete und verbindliche Quoten für die Ressourceneffizienz entlang der Wertschöpfungskette von Stahl und Aluminium. Denn je weniger Material überhaupt verbraucht wird, desto besser. Der Beipackzettel zu den Risiken und Nebenwirkungen unserer Industrie wäre dann ein ordentliches Stück kürzer.

Tobias Kind ist Referent für die Themen Bergbau und Metalle beim WWF Deutschland.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare