Kolumne

Wenn die kleine Planierraupe kommt

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Manche filmen die Geburt ihres Kindes, andere schmeißen eine Party. Wiederum andere bleiben betont gelassen.

Eine Geburt muss man sich ungefähr so vorstellen, wie von einer kleinen Planierraupe überrollt zu werden. Also von innen. Die kleine Planierraupe hat dabei ziemlich viele Hindernisse und Barrikaden zu überwinden, zeitweilig sieht es so aus, als führe ihr Weg in eine Sackgasse. Manchmal führt ihr Weg in eine Sackgasse, und dann muss ein Abschleppwagen kommen. Also von außen.

Es handelt sich um eine Ausnahmesituation, wenn plötzlich eine kleine Planierraupe auf einen zurollt. Es gibt Menschen, die wollen davon nichts mitbekommen, sie schließen die Augen, lassen sich eine Flüssigkeit spritzen und fallen in Trance. Andere rennen lieber weg oder ducken sich und legen sich ganz flach auf den Boden. Die Dritten wollen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein und bestellen prophylaktisch Hubschrauber, Rettungswagen, Löschzug, Müllauto und Kran.
Die nächsten bleiben betont ruhig, stellen sich auf alle Viere und lassen die Hüften kreisen. Dass eine kleine Planierraupe ihren Weg durch ihren Körper findet, empfinden sie als ein Glückserlebnis, als eine Art Erleuchtung. Es sind oftmals die gleichen Menschen, die sagen, dass ihr Leben durch Yoga einen Sinn gefunden hat. Um sich auf die Begegnung mit der kleinen Planierraupe vorzubereiten, trinken sie vorher einen Saft aus Kräutern und dem Fußschweiß von Kakerlaken. Sie werden sagen, dass man nur in der richtigen Reihenfolge ein- und ausatmen muss, damit es nicht wehtut. Sie werden nicht von Schmerzen sprechen, sondern von Wellen. Später, wenn alles vorbei ist, lassen sie sich die Trümmerteile, die die kleine Planierraupe auf ihrem Weg nach draußen mit hinausgeschoben hat, einwickeln und packen sie zu Hause in ihren Gefrierschrank. Eines Tages werden sie daraus einen Sonntagsbraten zubereiten. Die Reste stecken voller wertvoller Nährstoffe, sagen sie.

Nun gibt es auch Menschen, die es am besten finden, wenn sie zu Hause, in ihrer gewohnten Umgebung, von einer kleinen Planierraupe überrollt werden. Sie kaufen sich eine Luftmatratze, um den Wohnzimmerteppich zu schützen. Sie laden sich ihre Lieblingsmusik herunter, zu der sie tanzen wollen, während die kleine Planierraupe sich langsam vorarbeitet. Sie laden ihre besten Freunden ein, alle bringen Chips und Bier und Kameras mit.

Später wird es viele Bild- und Tonaufnahmen davon geben, wie sich die kleine Planierraupe durch einen Tunnel vorarbeitete. Manche davon werden im Internet landen und noch aufzufinden sein, wenn aus der kleinen Planierraupe schon eine große Planierraupe geworden ist. Wenn die Planierraupe allerdings steckenbleibt, müssen die Freunde ihr Bier, ihre Chips und die Kameras liegen lassen und einen Rettungswagen rufen und die Party ist sehr plötzlich vorbei.

Während der Geburt meines zweiten Kindes wollte ich meinen Mann dazu bringen so zu tanzen wie Robbie Williams. Er, also  Williams, tanzte und sang bei der Geburt seines zweiten Kindes, während seine Frau ihren Babybauch hielt und stöhnte. Er filmte sich, man konnte den Film später im Internet ansehen. Mein Mann wollte nicht tanzen, er war weiß wie ein Laken, er rannte alle zehn Minuten aus dem Kreißsaal, angeblich ein Magenvirus. Von meiner Geburt meines Kindes gibt es also keine Bild- und Tonaufnahmen. Wahrscheinlich wird mein Kind mir das nie verzeihen.

Sabine Rennefanz ist Autorin.

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