Kolumne

Wenn der Deutsche sich auf Reisen zu Hause fühlt

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Wir sind ja gern in der ganzen Welt unterwegs, um Schnitzel und Eisbein zu essen. Muss das jetzt aufhören, weil es meistens mit dem Flugzeug passiert?

Eigentlich ist das doch Schwachsinn. Da wimmelt es im Land nur so von Ausländerhassern, da ist bei den kommenden Landtagswahlen in drei Bundesländern die Regierungsbeteiligung einer fremdenfeindlichen Partei zu befürchten – und da stellen sich jede Menge vernünftiger Menschen hin und raten davon ab, häufig in andere Länder zu fliegen.

Der Wolf gilt als gefährlich, weil man ihn nie sieht. Wer sich kennt, der hasst sich nicht. Im Internet kursieren sogar Videos von Katzen, die mit einer Maus gemeinsam im Körbchen kuscheln – denn sie sind miteinander aufgewachsen. Und jetzt sollen wir nicht mehr reisen und uns fremden Völkern annähern?

Nun haben wir Deutsche bekanntlich eine düstere Geschichte, besonders was das Reisen angeht. Im 19. Jahrhundert fuhren wir nach Afrika, um dort ganze Völker zu unterjochen, Kolonien zu gründen und Großwild zu jagen. Dann nach Nordamerika, um Indianer abzuknallen und uns auf deren Boden anzusiedeln. Später perfektionierten wir das System und bereisten fremde Länder vornehmlich auf Ketten.

Das alles hat sich nicht bewährt, wie wir lernen mussten. Also veränderten wir die Strategie. Um Ärmere auszubeuten, fahren wir nicht mehr hin, sondern lassen sie bei sich daheim für uns Stoffe färben, T-Shirts nähen, Müll verbrennen und Computer montieren. Reisen unternehmen wir nur noch in vermeintlich friedlicher Absicht.

Zuerst waren Italien und Spanien unsere Ziele, später die ganze Welt. Kaum ein Winkel auf dieser Erde, wo keine deutschen Touristen zu finden sind. In der Regel sind sie wohlgelitten, denn sie haben Geld. Deswegen macht man es ihnen auch überall gemütlich. Allerorten gibt es deutsche Backstuben und Fleischereien, man reicht Eisbein und Sauerkraut, Weißwürste und Schnitzel, und man richtet Oktoberfeste aus. Riesige Ferienanlagen stehen unter deutscher Leitung, gigantische Kreuzfahrtschiffe fahren zwar unter billiger Flagge, aber mit deutscher Bordsprache.

Der Deutsche fremdelt nämlich gerne in der Fremde, also geben sich die Gastgeber so germanisch wie möglich und servieren im tunesischen Resort lieber Nürnberger als Merguez und Pichelsteiner statt Couscous. Einheimische bekommt der Reisende höchstens als Zimmermädchen oder Kofferträger zu Gesicht. Wo also ist da eine Annäherung an fremde Völker?

Natürlich gibt es auch Behutsame, die sich den Ansässigen vorsichtig nähern und sich vor der Reise ein paar Brocken der Landessprache aneignen. Oder die jungen Leute, die nach dem Abi ein halbes Jahr die Welt erkunden. Ohne viel Geld, zusammen mit ihresgleichen aus vielen Nationen. Sie lernen dabei und wachsen. Im Vergleich zu den reisenden Massen sind das aber nur wenige. Die meisten sind tumb – oder bestenfalls ignorant. Das fängt schon damit an, jemanden in den Niederlanden automatisch auf Deutsch anzusprechen – und es hört da noch lange nicht auf.

Niemand will das Reisen verbieten. Das wäre töricht. Ganz im Gegenteil, vielen deutschen Zeitgenossen sollte man es sogar verschreiben. Doch es kommt wie so häufig darauf an, was man daraus macht – und wie oft man das tut. Das Problem ist die willkürliche, unüberdachte Unmäßigkeit. Aber das gilt bekanntlich nicht nur für das Reisen.

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