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Wenn der Arzt endlich kommt

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Von: Volker Heise

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Grippe kann dazu führen, dass du nicht mehr weißt, ob du vor dem TV sitzt oder die Leute aus dem Kasten bei dir sitzen.

Die Grippe kommt. Nebenan fiebert deine Frau, dein Sohn niest, der Arzt will nicht kommen. Du fühlst deinen Puls. Noch alles ruhig. Draußen Regen. Du denkst an das Flugzeug über den Schweizer Alpen. Es rumpelt durch Gewitterwolken wie ein Geländewagen durch Sibirien. Manchmal wird es von Gottes Hand geschüttelt. Vor dir beten Russen um Gnade und um ein paar Tage Leben mehr, damit sie ihre irdischen Dinge regeln können. Gottes Faust schlägt wieder zu und lässt das Flugzeug in die Tiefe stürzen. Frauen und Männer schreien, Stifte und Plastikbecher fliegen durch die Kabine. Das Mädchen neben dir schnieft die ganze Zeit.

Irgendwo müssen die Erreger herkommen. Entweder das Mädchen oder das Ehepaar an der Raststätte. Du stehst an der Kaffeemaschine, kurz vor der Kasse, bist gleich dran, da entdeckt das Paar eine Lücke zwischen dir und deinem Vordermann und zwängt sich hinein mit zwei randvollen Tabletts: zweimal Currywurst mit Pommes, zwei Cola, zwei große Kaffee mit Zucker. In ihren Augen liegt Triumph, an ihren Nasen hängen Tropfen. Wahrscheinlich Virenschleudern auf dem Weg nach Hause. War das gestern? War das letzte Woche? Ist das Fieber schon da?

Schnell einen Stoß Echinacea in den Rachen. Soll ein Wundermittel sein, sagen die einen. Die anderen behaupten: das Virus ist stärker. Steh es durch. Sei ein Mann. Aber du gibst dich noch nicht geschlagen. Hühnersuppe aufsetzen, Zitronen auspressen, Wärmflasche an den Start bringen, neues Laken beziehen. Dabei ist es erst September, sonst geht es frühestens im November mit der Grippe los. Schnelllebige Zeit einfach, auch bei den Viren, die kommen jetzt über das Internet. Kannst du in der Zeitung lesen. Sind das Schweißtropfen auf deiner Stirn?

Bloß keinen Fernseher einschalten. Ab 38 Grad Körpertemperatur weißt du nicht mehr, ob du vor dem Kasten sitzt oder die Leute aus dem Kasten bei dir sitzen. Das geht ganz schnell: du willst nach einem Taschentuch greifen und die Merkel lächelt dich an. Nimmst einen Schluck Tee und der Gabriel wedelt mit einem Teebeutel. Dauernd will ein Talkmaster mit dir reden. Fragt, wie es dir geht oder wie du dich fühlst und was du dir dabei gedacht hast. Sind praktisch immer die gleichen Fragen. Da kannst du auch Ebola haben oder Winterkorn sein oder der neue Berliner Flughafen fällt dir auf den Kopf: es sind immer die gleichen Fragen. Dabei hast du nichts zu sagen, weil der Husten auch schon angefangen hat. Ganz gemeiner Husten sogar. Zuerst nur ein Kratzen im Hals. Vorbote der Krise, Gewinnwarnung praktisch, jetzt geht es wieder los mit Griechenland.

Vielleicht ist es auch der Typ im Zug gewesen. Der mit dem Handy. In Zürich oder in Genf. Keine Ahnung. Schicker Anzug, schicke Schuhe, schicke Taschentücher, in die er reinrotzt. Sein Telefon klingelt und er sagt, er sei jetzt in Frankfurt (Frankfurt?) und das Geld sicher (sicher?). Sah er aus wie Schäuble? Sah er aus wie Tsipras, der linke Hellene? Der mit den rechten Hellenen regiert? Ist, als würden bei uns Lafontaine und Lucke gemeinsam in die Kiste springen. Willst du gar nicht dran denken. Brauchst du gleich eine Ibuprofen 400 und dein Dax geht hoch und runter, was ja auf die Pumpe geht. Doch Glück gehabt. Es klingelt an der Tür. Der Arzt ist da. Er sagt: irgendwo geht immer das Abendland unter. Dann zieht er die Spritze auf.

Volker Heise ist Filmemacher.

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