Hochkonjunktur der Verschwörungen
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Während der Corona-Krise haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur.

Kolumne

Wenn in der Corona-Krise alle Geschichten erzählen

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Viele sorgen sich wegen Corona, einige gehen auf die Straße. Die eine oder andere Meinung macht allerdings Schwierigkeiten. Die Kolumne.

Eigentlich muss ich mich entschuldigen. Äußerte ich mich doch reichlich despektierlich über Menschen, die ihren Unmut über alles rund um Corona kundtun. Ich habe mir nun diese Leute mal angesehen – und muss meine Meinung revidieren. Jene, die da demonstrieren, sind meist keine tumben Rechten und keine Spinner. Das sind ganz normale Bürgerinnen und Bürger, die sich aus diversen Gründen Sorgen machen.

Mit der einen oder anderen Meinung habe ich allerdings Schwierigkeiten, etwa dass Juden „an allem“ schuld seien. Die, die ich kenne, sind vollkommen in Ordnung. Außerdem weiß ich gar nicht, woran sie schuld sein sollten. Okay, da ihre Religion den Verzehr von Fleisch zusammen mit Milchigem verbietet, verhindern sie die Verbreitung köstlicher Gerichte wie „Zürcher Geschnetzeltes“ oder Kalbsrahmbraten.

Doch ich halte das für zu vernachlässigen. Außerdem aß ich unlängst mit meiner jüdischen Freundin Ruth „Vor Entzücken fiel der Sultan in Ohnmacht“. Das ist ein vorzügliches Gericht aus der Türkei mit Huhn in einer Joghurt-Knoblauch-Soße. Geht also.

Dann hörte ich von dem veganen Koch Attila Hildmann. Er, der mal durch die Aufnahme von Flüchtlingen eine „Selbstverstümmelung deutscher Werte und Kultur“ befürchtete, echauffierte sich unlängst darüber, dass in Wuhan Menschen evakuiert, Hunde hingegen zurückgelassen wurden. Ich gehe noch weiter und rufe ihm zu: Wuhan ist überall! Ich hatte nämlich gerade im Fernsehen gesehen, dass man in einem deutschen Tierheim einer deutschen Katze alle Zähne gezogen hat.

Das mag medizinisch indiziert gewesen sein. Der Skandal ist, dass sich unsere reiche Gesellschaft nicht mal in der Lage zeigt, dem armen Tier ein Gebiss zu finanzieren. Es muss sich nun gänzlich von Nassfutter ernähren. Danke, Merkel!

Andererseits kommen mir schon wieder Zweifel. Der Beitrag lief nämlich nicht auf einem seriösen Sender wie zum Beispiel RTL 2, sondern im ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen), also diesem öffentlich-rechtlichen Grusellabor zur Erzeugung unwahrer Nachrichten, wie man mir mehrfach versicherte.

Außerdem sollen in der ZDF-Kantine Nudeln serviert worden sein, die aus Kindern hergestellt wurden, wie Xavier Naidoo in einem nächtlichen Ferngespräch weinend versichert haben soll. Das Rezept stamme übrigens von Bill Gates. Naidoo boykottiere seither alle Sender und beziehe seine Informationen nur noch aus dem Internet – was bekanntlich vor Wahrheitsliebe nur so strotzt.

Ich wollte mich nicht lumpen lassen und erzählte ebenfalls Geschichten. Etwa dass in Fleischfabriken keine Subunternehmer mehr beauftragt werden dürften, weiterhin aber geschundene Tiere zu billiger Wurst verarbeitet würden.

Und dass Verkehrsminister Andreas Scheuer eine Verordnung zurückgenommen habe, die das Rasen in Ortschaften härter bestrafe. Außerdem sei eine staatliche Prämie für den Erwerb neuer Autos mit Verbrennungsmotor in der Diskussion, die Lufthansa werde mit neun Milliarden subventioniert, damit sie wieder schön viel und schön billig fliegen kann, in einer Kneipe in Leer hätten sich 18 Menschen mit Corona infiziert, und Ministerpräsident Bodo Ramelow wolle alle Hygienemaßnahmen in Thüringen aufheben.

Woher ich das wissen wolle, fragten sie. Ich sagte „Frankfurter Rundschau“, da schrien sie „Fake News“ und jagten mich davon.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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