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Wasserdampf quillt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Niederaußem (Symbolbild).

IPCC-Report

Das Weltklima hat Fieber

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Was dem Klima droht, wäre für Menschen lebensbedrohlich. Doch noch ist die Sache heilbar. Dafür braucht es sinnvolle Instrumente und keine schizophrene Klimapolitik. Der Leitartikel der FR.

Besteht ein Unterschied, ob sich die Erde um 1,5 oder zwei Grad erwärmt – oder sogar um drei, vier oder fünf? Die Frage ist wichtig, muss aber erklärt werden. Das normale Temperaturempfinden von uns Menschen hilft hier nicht weiter. Einen solchen Unterschied spürt man kaum. Doch bei der globalen Durchschnittstemperatur, um die es hier geht, entscheidet die Abweichung um wenige Grad über Wohl und Wehe der Menschheit.

Am ehesten begreift man die Tragweite, wenn man die Analogie zur Körpertemperatur des Homo sapiens zieht. Sie muss stabil um die 37 Grad Celsius liegen, damit er gut leben kann. Ein Grad mehr, und er fühlt sich schon unwohl. Bei zwei Grad wird seine Lage kritisch, und ab drei Grad plus droht ohne ärztliche Behandlung der Exitus.

Der Weltklimarat IPCC hat analysiert, ob und mit welchen Maßnahmen die Erderwärmung noch bei 1,5 Grad zu stoppen ist. Der Auftrag dazu war eine Folge des 2015 verabschiedeten Klimavertrages von Paris. Damals beschloss die Weltgemeinschaft das Limit von zwei Grad – besser aber 1,5 Grad. Ohne die Ergänzung um den niedrigeren Wert wäre das Abkommen nicht zustande gekommen. Nur so konnten damals die vom Klimawandel besonders bedrohten Länder mit ins Boot geholt werden – die kleinen pazifischen Inselstaaten, die afrikanischen Länder, die Gruppe der ärmsten Staaten. Für sie kann das halbe Grad entscheidend sein, etwa weil der Meeresspiegel dann nicht so stark steigt.

Aber auch für den Rest der Welt bietet das 1,5-Grad-Limit eine Art Sicherheitsnetz. Es würde sicherstellen, dass mehrere Kippelemente des Klimas nicht aktiviert werden, die eine „Heißzeit“ auslösen könnten – wie das Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes, das Auftauen der Permafrostböden oder das komplette Abschmelzen des Grönland-Eises, das den Meeresspiegel um sieben Meter ansteigen lassen würde. Bei zwei Grad hingegen droht das Netz zu reißen.

Der IPCC-Report sorgt nun für Ernüchterung. Er zeigt: Die 1,5 Grad sind nur noch zu halten, wenn in den nächsten beiden Jahrzehnten wirklich drastische Maßnahmen in allen wichtigen Sektoren ergriffen werden – Energie, Verkehr, Industrie, Städte, Landwirtschaft, Wälder. Ohne ein solches Umsteuern würde die 1,5-Grad-Marke bereits in den 2040er Jahren überschritten; schon heute ist ja knapp ein Grad erreicht. Zudem müssten mittelfristig wohl große Mengen des Treibhausgases CO2 wieder aus der Atmosphäre herausgeholt werden, etwa durch großflächige Aufforstungen oder durch Technologien, bei denen das CO2 separiert und in den Boden verpresst wird.

Die Wahrheit ist: Sowohl der Turboumbau der Weltwirtschaft zur Solarökonomie als auch die Erzeugung riesiger Mengen „negativer Emissionen“ liegt derzeit jenseits der Vorstellungskraft. Die Erfahrung mit der Klima- und Energiepolitik spricht dagegen.

Donald Trump schwächt durch Austritt die Verhandlungen

Mitte dieses Jahrzehnts sah es so aus, als hätten die globalen Treibhausgasemissionen ihren Höchststand erreicht und es werde nun endlich die Reduktionsphase beginnen. Das passte zur Euphorie um den Paris-Vertrag. Doch die Daten für 2017 zeigten dann: Der CO2-Anstieg geht weiter. Die notwendige neue industrielle Revolution ist erst in Ansätzen erkennbar, obwohl die erneuerbaren Energien so schnell preiswert geworden sind, wie man das noch vor einem Jahrzehnt nicht erwartet hat.

Sollte man das 1,5-Grad-Limit also abschreiben? Nein, es wäre ein fatales Signal, gerade jetzt, da die Forschung zeigt, dass der Klimawandel sogar noch schneller verläuft als befürchtet. Es würde die Klimaverhandlungen auf UN-Ebene nach dem angekündigten Austritt der Trump-USA aus dem Paris-Abkommen weiter schwächen, weil die von den Folgen der Erwärmung besonders betroffenen Länder damit ausgebootet wären. Damit würde das einzige Format zerstört, in dem die Vertreter von 7,6 Milliarden Erdenbürgern das Megaproblem wenigstens gemeinsam kontinuierlich behandeln.

Schizophrenie der Klimapolitik

Allerdings hat es keinen Sinn, die Schizophrenie der Klimapolitik weiterzuführen: immer ambitioniertere Ziele zu beschließen, dann aber nicht die Instrumente bereitzustellen, um sie auch einhalten zu können – vor allem wirksame CO2-Ökosteuern oder einen globalen Emissionshandel, der eine angemessene Bepreisung der Treibhausgase sicherstellt.

Richtig justiert, würde ein solches Preissignal die fossilen Energien automatisch aus dem Markt drängen. Daran und an vielen anderen Stellschrauben muss dringend gearbeitet werden, national wie international. Nicht ausgeschlossen, dass die „große Transformation“ dann doch schneller kommt als befürchtet,

Die richtige Schlussfolgerung aus dem IPCC-Report ist es also, die Ambitionen zu verstärken. Der nächste UN-Klimagipfel im polnischen Katowice im Dezember soll Bilanz ziehen über die bisherigen Anstrengungen der Staaten, das 1,5- bis Zwei-Grad-Limit einzuhalten. Dabei wird herauskommen, dass die Welt sich derzeit auf einem Pfad von drei bis vier Grad befindet – und die Regierungen ihre Klimapolitik dringend verbessern müssen. Den Arzt zu rufen nützt hier nichts. 

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