Die Lager auf den griechischen Inseln sind völlig überfüllt. Mehr als 36.000 Menschen wohnen derzeit in Aufnahmezentren, die für 5400 Menschen konzipiert waren.
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Die Lager auf den griechischen Inseln sind völlig überfüllt. Mehr als 36.000 Menschen wohnen derzeit in Aufnahmezentren, die für 5400 Menschen konzipiert waren.

Weltflüchtlingstag am 20. Juni

Vergessene Krisen und ihre vielen Opfer: Zahl der Geflüchteten steigt in unvorstellbare Dimensionen

  • vonPeter Ruhenstroth-Bauer
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In Griechenland sind Tausende Flüchtlinge in Lager eingepfercht. Und das ist nur ein Teil der Hilfsbedürftigen. Ein Gastbeitrag. 

Die vergangenen Monate haben von uns allen große persönliche Opfer gefordert. Trotz Corona hat sich auch etwas zum Guten verändert. Obwohl wir uns in unsere eigenen vier Wände zurückgezogen haben und Abstand zu unseren Mitmenschen halten, sind wir als Gesellschaft ein Stück weiter zusammengerückt. 

Wir wurden an die Unverzichtbarkeit von Wertschätzung für diejenigen erinnert, die kaum gesellschaftliche Anerkennung erfahren. Das Virus hat uns also längst vergessene Missstände in Erinnerung gerufen, auf die nun konkrete Maßnahmen folgen müssen.

Passivität zählt für die  zur größten Herausforderung

Diese Missstände haben wir vergessen, weil wir uns alle an sie gewöhnt haben. Sie sind Teil einer gesellschaftlichen Struktur, die schon lange besteht. Diese Passivität zählt für die UN-Flüchtlingshilfe, den nationalen Partner des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR), zu der wahrscheinlich größten Herausforderung.

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni werden die neuen, immer weiter ansteigenden Flüchtlingszahlen durch den Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen (UN), Filippo Grandi, veröffentlicht. Sind es aktuell 70,8 Millionen Menschen weltweit, werden weitere Millionen Menschen hinzukommen. 

Krieg, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen zwingen sie, ihre Heimat zu verlassen und den gefährlichen Weg in Schutz und Sicherheit zu suchen. Häufig retten sie Länder und deren Gesellschaften, die selbst auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

in unvorstellbare Dimensionen

Zahlreiche dieser Krisenherde werden öffentlich jedoch kaum noch wahrgenommen. Dabei sind Hilfsorganisationen so dringend auf mediale Aufmerksamkeit angewiesen, um ihre Einsätze ausreichend finanzieren zu können.

So fallen Spenden für die betroffenen Menschen und die damit verbundene humanitäre Nothilfe häufig aus. Gerade dort, wo wegen immer wieder aufkeimender Konflikte langfristige Unterstützung gefragt wäre, fehlt es also an allen Ecken und Kanten.

Die Diskrepanz zwischen Bedarf und Finanzierung wächst schon seit längerem. Gleichzeitig steigen die Flüchtlingszahlen in unvorstellbare Dimensionen. Die Lager auf den griechischen Inseln sind völlig überfüllt. Mehr als 36.000 Menschen wohnen derzeit in Aufnahmezentren, die ursprünglich für 5400 Menschen konzipiert waren.

Im Flüchtlingscamp Moria herrschen katastrophale Zustände 

Peter Ruhenstroth-Bauer.

In Moria, dem größten Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Lesbos, leben rund 20.000 Menschen auf engstem Raum. Ursprünglich war Moria für die Aufnahme von nur 2500 Menschen konzipiert. 5400 unbegleitete Kinder und Jugendliche leben in Griechenland, rund 2000 davon auf den Inseln. Abstand halten und regelmäßiges Händewaschen sind so gut wie unmöglich. Dies verdeutlichen etwa die katastrophalen hygienischen Zustände in Moria, wo sich mehr als 500 Bewohner eine Dusche und 160 Menschen eine Toilette teilen müssen.

Wie kann es gelingen, diese Zahlen als die Schicksale zu begreifen, die dahinterstehen? Das Coronavirus darf uns nicht hindern, jetzt auch schnell die Kinder und Jugendlichen nach Deutschland zu holen, deren Aufnahme die Bundesregierung zugesagt hatte.

Großteil der Geflüchteten kommt aus nur wenigen Ländern

Gleichzeitig stellen die Flüchtlinge, die zu katastrophalen Bedingungen in Griechenland ausharren, nur einen Bruchteil der Menschen dar, die weltweit auf der Flucht sind. Dazu zählen Binnenvertriebene – Menschen, die im eigenen Land auf der Flucht sind –, Flüchtlinge sowie Staatenlose.

Dabei kommt ein Großteil der Geflüchteten aus nur wenigen Ländern: Syrien, Venezuela, Afghanistan, dem Südsudan und Myanmar. Dauerhafte Krisenregionen bilden also den Ursprung dieser hohen Flüchtlingszahlen. Politischer Wille, die Krise zu beenden, ist in vielen Ländern nicht zu erkennen.

Besonders in Vergessenheit geraten sind aber Länder wie der Jemen, dieDemokratische Republik Kongo oder Somalia. Bis Ende letzten Jahres hatten Millionen Venezolaner ihr Land verlassen und reisten hauptsächlich in andere Teile Lateinamerikas und der Karibik. Es handelt sich um den größten Exodus in der jüngeren Geschichte der Region und eine der größten Vertreibungskrisen der Welt.

Jemen-Krise ist eine der größten humanitären Katastrophen weltweit

Häufiger Grund ist die kaum mehr durchschaubare Komplexität der Krisen. In der DR Kongo sind beispielsweise 4,5 Millionen Menschen im eigenen Land als Binnenvertriebene auf der Flucht. Auch die Jemen-Krise ist mit rund 22 Millionen hilfebedürftiger Jemeniten eine der größten humanitären Katastrophen weltweit. Kaum jemand versteht noch die Hintergründe des Konfliktes, die wechselnden Allianzen und Kontrahenten.

So unwahrscheinlich eine baldige Lösung für diese Konflikte ist, so sicher werden die vergessenen Krisen sich eines Tages wieder in Erinnerung rufen.

Peter Ruhenstroth-Bauer ist Geschäftsführer der UN-Flüchtlingshilfe, des deutschen Partners des Flüchtlingshilfswerks.

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