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Ein Flüchtlingsboot sinkt in der türkischen Ägäis.

Weltflüchtlingstag

Weltflüchtlingstag: Das Böse unseres Handelns gegen die Menschlichkeit erkennen

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Entwurzelte Menschen, dreckige Lager, Verzweiflung. Und was tun wir? Wir zahlen Geld, damit Flüchtlinge nicht zu uns kommen. Dabei sollen wir: Helfen.Handeln. Heute! Der Leitartikel.

Eine junge Frau, auf ihrem Schoß ein Kind, dürres Gras, eine schmutzige Matte. Das Kleine schaut die Mutter fast fröhlich an, doch deren Kopf ist gesenkt, kein Lächeln. Was wir sehen, auf einem berühmten Foto des Friedenspreisträgers Sebastião Salgado, ist nicht die klassische Pietà, keine Mater Dolorosa mit totem Jesus im Schoß. Und dennoch geht es auch hier um Schmerz. Mutter und Kind sitzen inmitten unbehauster Menschen, drangvolle Enge, der Dreck eines Flüchtlingslagers und die Hoffnung, auch das irgendwie zu überleben.

„Das Lager Benako, in dem Tausende von Menschen zusammengepfercht sind und versuchen, sich mit Zelten oder Plastikplanen vor Regen und Wind zu schützen. Tansania. 1994.“ So die Legende zu diesem Foto in grobkörnigem Schwarz-Weiß.

Menschen flüchten, um überleben zu können

Fotos sind eine Momentaufnahme, heißt es. Sie zeigen einen Ausschnitt, nicht die Wirklichkeit. Tatsächlich? Ist es nicht so, dass die Flüchtlingsbilder, die Salgado in den Neunzigerjahren aufgenommen hat, eine brutale Gegenwärtigkeit haben? Dass sie verstören? Weil wir sie in vielen Varianten seit Jahrzehnten sehen und sich nichts geändert hat? Dass sich zwar die Kriegs- und Krisengebiete teilweise verschoben haben, das Elend der Geflüchteten aber geblieben ist? Und mit dem Elend die Ursachen für die katastrophale Lage.

Da ist der Klimawandel und die Ausbeutung von Ressourcen: Die Umweltzerstörung, der dramatisch gesunkene Grundwasserspiegel im Nahen Osten und Nordafrika, Hungerepidemien durch wachsende Wüsten und Überschwemmungen – immer mehr Menschen begeben sich auf die Wanderung, um überleben zu können. Und was tun wir? Wir in den westlichen Ländern, die die Ausbeutung anderer Kontinente perfektioniert haben und das Überleben auf der Erde durch unsere CO2-Bilanz gefährden?

Selektion beim Asylrecht

Wir palavern auf einer Klimakonferenz nach der anderen, um dann die Verantwortung wegzuschieben und selbstgesteckte Ziele nicht einzuhalten. Wir knicken ein vor der Industrielobby und vergiften weiter die Landschaften. Wir selektieren beim Asylrecht streng, ob Menschen wegen Kriegen flüchten, oder weil sie sich und ihre Kinder nicht mehr ernähren können. Als wäre nicht beides lebensbedrohlich.

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Da ist die libysche Hölle: Für Menschen auf der Flucht ist das Land eines der gefährlichsten der Welt. Wer in dortigen Lagern Schutz sucht oder gefangen ist, wird systematisch misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, zu Sklavendiensten gezwungen. Und was tun wir? Wir in Europa, mit unserer Tradition von Aufklärung und Menschenrechten?

KZ-ähnliche Zustände für Flüchtlinge

Wir machen im Namen der EU dreckige Deals mit den Warlords, die die libysche Küstenwache kontrollieren. Wir sorgen dafür, dass die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer abgefangen werden, damit sie nie in der EU ankommen. Wir bilden die Verbrecher aus, denen wir die Hilflosen überlassen und glauben an die perfekte Abschreckung.

Da ist Moria auf Lesbos: eines der fünf Sammellager in Griechenland, in denen Menschen gehalten werden wie Vieh. Auf dem selben Kontinent, wo noch immer die Reste der Nazi-KZ zu besichtigen sind, haben wir KZ-ähnliche Zustände geschaffen. Wo Menschen nicht ausreichend ernährt werden. Wo sie zwischen Unrat, Ungeziefer und Fäkalien leben. Wo Verzweifelte lieber sterben als weiter dahinzuvegetieren. Und was tun wir, die wir Griechenland für seine humanistische Tradition lieben, für seine Sonne und Strände?

Zynisches „Hau-ab-Gesetz“ 

Wir haben in der EU jeden Euro an Hilfe dreimal hinterfragt, als Griechenland in die Schuldenfalle lief. Doch in die dortigen Schreckenslager pumpen wir viel Geld aus dem europäischen Topf. Wir verweigern den Geflüchteten das Recht, einen Asylantrag zu stellen und haben kein Problem, damit, internationales Recht zu brechen.

Da ist das deutsche Asylpaket: Als willfährige Handlanger rechter Gesinnung hat die große Koalition die Menschenrechte von Flüchtlingen drastisch beschnitten. Sie können hinter Gitter gesteckt, zwangsweise interniert und schneller abgeschoben werden. Sie bekommen Arbeitsverbot und weniger Sozialleistungen. Und was tun wir, die wir mal so etwas wie eine Willkommenskultur hatten?

Wir verabschieden ein „Hau-ab-Gesetz“ und nennen es zynisch „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“. Wir lügen, was die Sicherheitslage angeht und schieben Menschen nach Afghanistan ab. Wir reden von legaler Zuwanderung, und halten noch nicht einmal Zusagen ein, die das ermöglichen – wie die Resettlement-Abkommen für besonders gefährdete Flüchtlinge. Wir treten Menschenrechte mit Füßen und haben die Unmenschlichkeit zur Normalität erklärt.

Mit seinen Bildern hat Salgado den Geflüchteten weltweit ein zeitloses Denkmal gesetzt. Wider das Elend! Millionen Menschen haben alles hinter sich gelassen und suchen irgendwo auf der Welt einen Platz für sich und ihre Kinder. Ihr Schicksal müssen wir spüren, das Böse, das wir ihnen antun, müssen wir sehen. Eine Botschaft, an die uns der morgige Weltflüchtlingstag zuruft: Helfen. Handeln. Heute!

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