Kolumne

Als der Tag welk wurde

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Als Kind konnte ich morgens nach dem Aufwachen riechen, ob Sommer war, Winter, Frühling oder Herbst. Das gelingt mir kaum noch. Woran es liegen mag? Die Kolumne.

Eigentlich wird ja gerade alles vom Virus überdeckt. Was hilft? Ein Blick zurück? In eine Zeit, in der es noch genügend Zeit gab und Nudeln und Klopapier? Waren da die Ängste kleiner? Oder nur anders? Ein Text, verfasst vor etwa 35 Jahren. Übrigens auch für die FR.

Ich erinnere mich des Gefühls, als Kind die Welt gefühlt zu haben. Morgens nach dem Aufwachen schon konnte ich riechen, ob Sommer war, ob Winter, Frühling oder Herbst. Ich sah dann aus dem Fenster, schmeckte Wolken, hörte den Druck, der in der Luft lag, und ich konnte erkennen, ob es ein guter Druck war oder ein schlechter. Ich sah Farben sich von einer Sekunde auf die andere verändern, sogar die Farben in den Gesichtern der Menschen konnten dies.

Der Schaffner etwa, jener dicke Mensch, der im Schulbus neben dem hinteren Ausgang auf einem grüngepolsterten Sitz festgeschraubt zu sein schien, der nie eine Miene verzog und als einziges Zeugnis seines Lebendseins die kleinen, quellig-blauen Augen stetig entlang der Sitzreihen rollen ließ, dieser Schaffner trug von Mal zu Mal eine andere Farbe im Gesicht.

Es war manchmal so getönt, wie ich mir das Fell eines Kängurus vorstellte, kurze Zeit später schon hatte es jenes gräuliche Rot aus dem Inneren eines Rollbratens, den Mutter sonntags zu früh aus dem Rohr genommen hatte, so dass er noch nicht gänzlich gar geraten war. Sogar kleine Fetzen von Petersilie und Würfelchen geräucherten Dörrfleischs vermochte ich in seinem Gesicht zu erkennen.

Gebannt starrte ich jeden Morgen auf diesen Schaffner und seine Farben, und es wäre mir ohne weiteres möglich gewesen, einfach mit ihnen weiterzufahren, stundenlang, tagelang, jahrelang. Irgendwohin, ohne Ziel.

Als Kind konnte ich riechen, wie der Tag welk wurde. Das war von Jahreszeit zu Jahreszeit verschieden. Manchmal, im späten Herbst, roch der Tag morgens modrig. Es war eine aufgewühlte Modrigkeit, etwa wie jene im Inneren eines alten Autos. Es war, als hätte der Tag schlecht geschlafen, als hätte er eine unruhige Nacht hinter sich gehabt.

Das machte mich schon beim Aufstehen etwas traurig, die Traurigkeit legte sich oft den ganzen Tag nicht, es sei denn, die Sonne kam heraus und hatte noch genügend Kraft, den Tag zu trocknen. Am Abend dann roch der Tag wieder modrig. Aber obwohl er älter und welker geworden war, roch mir seine Modrigkeit am Abend aufgeräumter als jene am Morgen.

Im Sommer schließlich roch der Tag einfach nur nach frischer Sonne, im Frühjahr nach Aufbruch, nach warmen Brötchen und nach Tatendrang, und im Herbst, da roch er so schön nach Tod, dass es mir allmorgendlich eine Wonne war, aufzustehen und nachzusehen.

All das gelingt mir heute nur noch zögerlich. Woran es liegen mag? Ist es die Neuzeit? Kann man Tage etwa gar nicht mehr riechen? Ergeht es ihnen so wie den Tankstellen, die nicht mehr nach Benzin riechen sondern nach aufgebackenen Croissants? Den Schaffnern, die nicht mehr nach Schaffner riechen, sondern nach Fahrkartenautomat? Der Milch, die nicht mehr nach Rahm riecht, sondern nach Tetrapack? Oder hat der Tag in der neuen Zeit schlicht seinen Geruch geändert, so wie sich so vieles geändert hat? Oder kann man die Welt gar nicht mehr so fühlen, wie man sie früher fühlen konnte?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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