Gastbeitrag

Weiterbildung ist Zukunft

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Hochschulen überleben nur, wenn sie zu Orten lebenslangen Lernens werden. Sie sollten auch mit Firmen und Unis kooperieren.

Wollen die Hochschulen auch in Zukunft den Anspruch hegen, die Zentren von wissenschaftlicher Bildung zu sein, dann müssen sie sich verändern. Viel Zeit dafür bleibt nicht.

Sie müssen aufpassen, dass sie als relevante Bildungsinstitutionen im Zuge der Digitalisierung nicht unter die Räder kommen. Um das zu verhindern, sollten sie sich vor allem auf neue Kundinnen und Kunden einstellen sowie ihre Lehrformate verändern.

Derzeit spielen aber bildungsbiografische Forschungsergebnisse bei der strategischen Zukunftsausrichtung von Hochschulen so gut wie keine Rolle. Dabei halten Menschen zunehmend weniger nach jahrelang andauernden Studienangeboten Ausschau. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass Menschen weniger lernen wollen. Im Gegenteil: Es geht zunehmend darum, schnell über spezifisches und aktuelles Wissen zu verfügen. Es braucht also neben der immens wichtigen fundierten Grundlagenausbildung zusätzlich Studienangebote, die auf aktuelles Wissen fokussieren.

Menschen werden die Wege in ihrem Berufsleben künftig mehrfach grundlegend verändern (müssen). Allein die Digitalisierung bewirkt, dass eine Vielzahl heutiger Berufe in wenigen Jahren nicht mehr existieren wird. Das Zauberwort, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, heißt „Lebenslanges Lernen“ oder „Weiterbildung“. Hochschulen müssen darauf achten, dieses Feld nicht kapitalstarken Privatunternehmen zu überlassen.

Warum soll es etwa für eine Informatikerin oder einen Informatiker interessant sein, an einer Hochschule zum Thema Künstliche Intelligenz (KI) zu lernen, wenn sie es in einer Akademie der Firmen Google, Amazon und Facebook tun könnten? Zumal danach der eigene Wert auf dem Arbeitsmarkt gestiegen sein dürfte. Leider verfügen gerade im technischen Bereich Firmen oft über die bessere (Forschungs-)Infrastruktur als Hochschulen. Die Gründe sind vielfältig.

Zunächst müssen Hochschulen beginnen, ihre Zielgruppe auf Menschen zu erweitern, die bereits im Berufsleben stehen und Weiterbildungen benötigen. Dafür müssen sukzessive die bestehenden und unterfinanzierten Kapazitäten für den Ausbau der Weiterbildung erhöht werden. Gleichzeitig sollten die klassischen Studierenden angemessene Betreuungsrelationen erhalten, so dass sie an die Hochschule gebunden werden und später als Weiterbildungsstudierende an ihre Hochschule zurückkehren.

Die Digitalisierung wird es ermöglichen, individuelle Weiterbildungen anzubieten. Es macht Sinn, dass auf absehbare Zeit die Lehrleistungen von Hochschullehrenden auch für die Weiterbildung eingesetzt werden. Dabei kommt den Hochschulen entgegen, dass sie die einzigen Institutionen sind, die wissenschaftlich fundierte und zertifizierte Weiterbildungen anbieten können; kumuliert können diese ein komplettes Studium mit Abschluss ergeben. Dafür sollten Studieninhalte noch stärker modularisiert werden und es sollte vereinfacht werden, die abgeschlossenen Module doppelt zu „verwerten“ – als reine Weiterbildung oder für ein Studium.

Eine besondere Rolle für diesen Systemwechsel haben die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW), die früheren Fachhochschulen, inne. Sie sind mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Praxis besetzt, die einen anwendungsorientierten Blick und Kontakte zu den Unternehmen haben. Sie sind Forschende für die Praxis, deren Bildungsbiografien sich bereits verändert haben.

Damit ist das angesprochene Problem des finanziellen Vorteils von Firmen gegenüber Hochschulen nicht gelöst. Die HAW können sich jedoch als komplementäre Bildungspartner verstehen, die den Firmen und ihren Beschäftigten staatlich anerkannte Abschlüsse ermöglichen und den dort Forschenden bildungsbiografische Entwicklungsperspektiven als (Teilzeit-)Professorinnen und Professoren anbieten.

Hochschulen können also zu einem ganzheitlichen Weiterbildungspartner für Unternehmen werden. Als Gegenleistung würden die Firmen ihre Forschungsinfrastruktur für Hochschulen öffnen, eine Win-win-Situation.

Ähnlich stellt sich das gegenüber den Universitäten dar: Deren Forschungsleistungen haben wir die Stärke des deutschen Wissenschaftssystems der letzten Jahrzehnte zu verdanken. Nun können sich die HAW als Zugpferd vor das Bildungssystem spannen, um die Gesellschaft im Kontext der digitalen Transformation mit Weiterbildungsangeboten zu versorgen. Hier treten die HAW als komplementäre Partner gegenüber den Unis auf. Die Politik muss den Rahmen schaffen, dass HAW, Universitäten und Firmen ihre Komplementarität auch konsequent ausspielen können.

Frank E.P. Dievernich ist Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences und Vorsitzender der hessischen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW). 

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