Die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Aber die Anforderungen an Qualifikation und Kompetenzen andern sich.
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Die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Aber die Anforderungen an Qualifikation und Kompetenzen andern sich.

Arbeitsleben

Weiterbildung gegen die Krise: Bildungslücken, die wir schließen müssen

Arbeitskräfte müssen früher weitergebildet werden - nicht erst am Ende der Laufbahn. Weiterbildung und Qualifikation kann auch in der Krise helfen. Der Gastbeitrag.

Die Corona-Krise setzt den Arbeitsmarkt massiv unter Druck. Trotz Kurzarbeit wird ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht zu vermeiden sein. Noch kritischer wird es aber, sollte sich die Arbeitslosigkeit in der Folge nicht mehr abbauen lassen.

Der langfristige Verlust von Arbeitsplätzen ist auch in der Debatte um Digitalisierung, künstliche Intelligenz & Co das vorherrschende Bild. Studienergebnisse zeigen dagegen, dass uns im Zuge des technologischen Wandels nicht die Arbeit ausgehen wird. Allerdings werden sich Anforderungen an Qualifikationen und Kompetenzen verschieben.

Weiterbildung gegen die Krise: Aber zwei  „Bildungslücken“ müssen geschlossen werden

Aufbau und Verfestigung der Arbeitslosigkeit gerade von Geringqualifizierten seit den 70er Jahren sollten uns eine Warnung sein, wozu ein solcher struktureller Wandel führen kann – und zwar vor allem in Zeiten einer Rezession. Investitionen in die Qualifizierung der Arbeitskräfte sind daher wichtig, um den Wandel, aber auch die Krise zu bewältigen und die Zukunft zu gestalten.

Das Qualifizierungschancengesetz hat die Möglichkeiten der Weiterbildungsförderung verbessert. Gestaffelt nach Betriebsgröße, können Kosten der Weiterbildung und der Lohnfortzahlung staatlich finanziert werden. Sind wir in der Weiterbildungspolitik damit gerüstet? Nein, es gibt zwei wesentliche „Bildungslücken“, die wir schließen müssen.

Es gibt Förderung für eine Person nur alle vier Jahre, nur wenn der Job vom Strukturwandel bedroht ist und nur bei Maßnahmen von mindestens vier Wochen. So sehr die Angebote zu begrüßen sind, zeigt sich dabei doch ein sehr defensiver, an Defiziten orientierter Ansatz: Es geht darum, Beschäftigte durch punktuelle Maßnahmen zu retten, wenn sie ins Hintertreffen geraten sind. Will Deutschland so in der Digitalisierungs-Spitze mitspielen?

Qualifizierung: Eine umfassende Weiterbildungspolitik muss breit und proaktiv angelegt sein

Eine umfassende Weiterbildungspolitik muss breit und proaktiv angelegt sein. Bei der Entscheidung für oder gegen Weiterbildung sind neben finanziellen Gründen Punkte wie persönliche Einstellung, Wissen und Rahmenbedingungen wichtig. Gerade der Abstand vom Bildungssystem und vom Lernen an sich stellt sich als Hürde heraus.

Um die Beteiligung zu verbessern, wäre eine substanzielle und kontinuierliche Förderung nötig, und nicht nur, wenn nach 20 Jahren der Arbeitsplatzverlust droht. Dabei geht es im Zuge des digitalen Wandels um IT-Fähigkeiten. Wichtig sind auch Kompetenzen wie konzeptionelles und kreatives Denken sowie Abstraktions- und Kommunikationsfähigkeit.

Eine solche umfassende Weiter-Bildungspolitik sollte an die Erstausbildung anknüpfen. Die öffentlichen Finanzierungsmöglichkeiten müssen dem kontinuierlichen Charakter gerecht werden. Mehr Unterstützung für Weiterbildung käme in der aktuellen Rezessionsphase genau richtig, in der viele Firmen unterausgelastete Kapazitäten, zugleich aber kaum Finanzmittel haben.

Weiterbildung gegen die Krise: Recht auf Nachholen eines Berufsabschlusses

Eine zweite Lücke liegt in der beruflichen Umorientierung. Das Recht auf Nachholen eines Berufsabschlusses wird zwar gerade konkretisiert. Wenn der Arbeitskräftebedarf nicht nur krisenbedingt, sondern auch mit neuen digitalen Möglichkeiten in bestimmten Berufen zurückgeht, ist aber die zentrale Frage, unter welchen Bedingungen sich auch qualifizierte Beschäftigte auf den Weg zu einer neuen Ausbildung machen können.

Dabei kann es um komplette Berufswechsel gehen - etwa in die Pflege. Oder es wird innerhalb eines Berufsfeldes die Ausrichtung geändert, etwa im technischen Bereich vom Automobil- zum Maschinenbau – für den Arbeitsmarkt allemal besser als die Frühverrentungsprogramme, auf die gerade Konzerne jüngst wieder zurückgegriffen haben. Für derartige Entscheidungen können professionelle Beratungsangebote wichtige Orientierung geben.

Finanzierung von Einkommensausfällen bei beruflicher Umorientierung ist unabdingbar

Dass Menschen mit Familie nach 20 Jahren im Job noch einmal für ein paar Hundert Euro Ausbildungsvergütung in die Lehre gehen, darf aber als illusorisch gelten. Die Kosten würden dann in der Arbeitslosigkeit auflaufen. Die Lücke ist also auch zu füllen mit einer attraktiven Finanzierung von Einkommensausfällen in Zeiten beruflicher Umorientierung. Dass man mit einem solchen Programm oft Personen finanziell unterstützt, die eigentlich lange gut verdient haben und nicht bedürftig sind, liegt in der Natur der Sache. Es geht hier um bildungs- und strukturpolitischen Erfolg, und wer bereit ist, sich für diesen Erfolg aufzuraffen, verdient dafür eine Prämie.

Ziel muss sein, eine Weiterbildungspolitik auf Augenhöhe mit der Erstausbildung zu entwickeln. Es hat sich zwar einiges getan in Sachen Weiterbildung. Im Hinblick auf die kommenden Herausforderungen und einen nachhaltigen Weg aus der Krise gibt es aber wesentliche Lücken, die wir schließen müssen.

Enzo Weber leitet den Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Adecco-Chef Alain Dehaze spricht im Interview über Weiterbildung, die Arbeit der Zukunft, gefragte Fähigkeiten und darüber, was Eltern ihren Kindern beibringen sollten.

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