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So weit geht die Toleranz nicht

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Kraushaars Überblick über Homo-Journalismus.

Elmar Kraushaar hat aus „40 Jahre Homo-Journalismus“ mehr als 70 Artikel in einem Buch zusammengestellt. Sie sind weder chronologisch geordnet noch systmatisch sortiert. Es gibt kein Inhaltsverzeichnis, aber ein Personenregister. Das anfängliche Befremden über so wenig Ordnungssinn macht bei der Lektüre bald einer Erkenntnis Platz: So viel sich geändert hat, so sehr gegenwärtig ist doch vieles.

Der Paragraph 175, der sexuelle Beziehungen zwischen Männern mit Strafe bedrohte, wurde in der Bundesrepublik erst 1994 abgeschafft. Im „Unrechtsstaat“ DDR war er bereits 1968 durch einen „liberaleren“ ersetzt worden, der dann kurz vor der Abschaffung der DDR abgeschafft wurde. Kein Erwachsener, der einen Erwachsenen liebt, muss noch ins Gefängnis. Aber „schwule Sau“ hört man, so erzählt man mir, auf fast jedem Schulhof. „Arschficker“ ist immer noch eine gängige Bezeichnung für Schwule. Als wären Heteros noch nicht über die Missionarsstellung hinaus gekommen.

In einem Artikel, der im Juni 2013 erschien, weist Kraushaar darauf hin, dass in der Schwulen-Bewegung der 70er Jahre niemand eine Homo-Ehe forderte. Dazu kam es erst als Aids das Verlangen nach verlässlichen Partnerschaften stärkte, in denen wenigstens der Freund einem nicht den Tod bringt. Kraushaars Artikel endete mit den Sätzen: „In zehn Jahren ist alles vorbei, dafür braucht es keine prophetische Gabe. Die Debatte um die rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare wird beendet sein.“ Inzwischen ist überdeutlich geworden, dass der „Rollback“ zur Geschichte gehört wie der Fortschritt.

Zwanzig Jahre lang veröffentlichte Elmar Kraushaar in der „taz“ seine monatliche Kolumne „Der homosexuelle Mann…“ Keine andere Tageszeitung hatte so etwas, keine hat heute Vergleichbares. Dabei wäre auch heute eine solche Perspektive auf unsere Gegenwart mehr als nur interessant. Ein paar dieser Artikel finden sich im „Störenfried“. Sie sind mal politisch, mal aktuell, mal blicken sie in den „Einkaufskorb eines Schwulen“ und finden das Pflanzenfett Marke „Crisco“ für den „unverkrampften Analverkehr“.

Auch an dieser Beobachtung aus dem März 2005 hat sich nichts geändert: „Ein polymorph-perverser Single, den des Lesers Fantasie nur auf Orgien und in Darkrooms wähnt – so weit geht die Toleranz noch nicht. Die Schlagzeilen und Klatschgeschichten um Klaus Wowereit, Guido Westerwelle und Patrick Lindner beweisen es – ein Mann an der Seite lässt das homosexuelle Drama für die Öffentlichkeit leichter ertragen.“ Arno Widmann

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