Kolumne

Weit weg

  • schließen

Bei der Debatte über die Zukunft des ländlichen Raums darf nicht nur über Ärzte und Internet gesprochen werden, es muss auch um Erntehelfer gehen. Die Kolumne.

Es ist eine Zufallsbegegnung. Zwei junge Männer im Frühstücksraum einer Pension, irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Der eine telefoniert noch kurz mit Frau und Kind, dann geht’s an die Arbeit. Die Wirtin nennt sie „meine Jungs“. Sie hat täglich einige solcher Jungs zu Gast, die Pension ist gut ausgebucht. Eher wenige Touristen. Meist Monteure, auch Erntehelfer.

In diesem Fall sind es Erntehelfer. Die letzten Reste der Maisernte stehen noch an, soweit nach dem trockenen Sommer etwas zu ernten ist. Auf politischer Ebene wird seit Wochen geschachert, welche Bauern mit wie viel Staatsgeld rechnen können, um nicht zum Dürreopfer zu werden. Die Biogasanlagen müssen jetzt noch mit dem letzten bisschen Maisertrag gefüttert werden.

Im Internet finden sich einschlägige Annoncen wie: „Produktionsmitarbeiter aus Ungarn suchen einen neuen und langfristigen Auftrag. Erfahrungen bei Blumenfirmen, Lagerarbeiten, Erntehelferarbeiten, Produktionsarbeiten“ oder auch „25 – 80 Erntehelfer aus Rumänien sofort frei“. Um diese Art Leihgeschäft für Unqualifizierte geht es hier nicht, und Ungarn oder Polen würden auch schwerlich in einer Landpension einquartiert. Das Interessante an der Zufallsbegegnung im Frühstückraum ist: Da sitzen Erntehelfer der Kategorie 1a, gerade wegen ihrer Qualifikation im Umgang mit Technik.

Der Mann, der noch schnell mit der Familie telefoniert hat, stammt aus einer ländlichen Gegend zwischen Gießen und Marburg in Hessen. Er arbeitet nun 400 Kilometer weit weg, nach ein paar Tagen dann wieder anderswo – und wird frühestens in zehn Tagen zu Hause vorbeischauen können. In der technisierten Landwirtschaft werden solche Leute samt großer Spezialmaschinen hin- und hergeschoben. Das Kuriose ist: Da, wo dieser Mann herkommt, war auch Maisernte.

Das alles mag unter dem Aspekt von Spezialisierung und Just-in-time-Ernte erklärlich sein. Aber da ist etwas nicht in Ordnung. Es geht ja nicht um Fachkräfte, die nirgendwo sonst verfügbar wären. Es geht um ziemlich normale, jährlich anfallende Aufgaben – wenn auch mit Maschinen, die sich kein Betrieb mehr alleine leisten kann. Und es geht darum, ob es in Zeiten des Booms regional erzeugter Lebensmittel nicht möglich sein muss, dass auch die daran beteiligten Menschen im räumlichen Umfeld ihrer Heimat Arbeit finden.

Die Zukunft des ländlichen Raums rückt gerade auf die politische Agenda. Unter den Ministerpräsidenten wurde seit Jahren ergebnislos über Landprobleme wie den Ärztemangel oder den ungleichen Internetausbau gejammert. Inzwischen gilt es als Königsweg, auf die Digitalisierung zu setzen, wenn sich schon hochgefragte Berufsgruppen nicht freiwillig in ausreichender Zahl aufs Land bewegen.

Aber Ernte einbringen? Was, wenn nicht das, wäre ein Kern regionaler Arbeit? Es ist klar, was da zurückschallt: Es ist alles eine Frage des Preises. Das ist kein falscher Einwurf. Aber dann sollte, wenn es um faire Preise für fair produzierte Lebensmittel aus der Region geht, bitte nicht nur aus der Perspektive der Supermarktkundschaft oder der bäuerlichen Betriebseinkommen gedacht werden. Sondern zunächst mal daran, was Menschen fairerweise verdienen müssten, damit sie nicht in die Stadt abwandern oder sich bundesweit herumschicken lassen müssen. Vielleicht hätte die eine oder andere Pension dann ab und an ein Zimmer frei, aber dem Land ginge es besser.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare