Kolumne

Das Weißkraut ist der wahre Charakter-Kohlkopf

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Was ist nur aus dem Weißkraut geworden? Wo ist der Stoff, aus dem die besten Eintöpfe sind? Alles nur noch Sauerkraut. Womöglich am Ende noch mit Quinoa-Samen. Die Kolumne.

Eigentlich, so könnte man meinen, ist ja der Weißkohl nicht sonderlich bedeutend. Unscheinbar kommt er daher, von blässlicher Farbe, wenig imposanter Gestalt, geringem Geldwert und zu vernachlässigendem Grundgeschmack. Er ist kein Verführer wie die Tomate, keine geheimnisvolle Schönheit wie die Aubergine und kein Gigant in Fruchtgestalt wie der Kürbis. Also wahrlich kein Häuptlingsgemüse.

Doch wie so viele Unscheinbare birgt der Weißkohl andere Werte. Sie zu erschließen, muss man sich allerdings schon etwas Mühe machen.

Aroma entwickelt der Weißkohl erst, wenn man ihm Zeit und Aufmerksamkeit widmet, ihn etwa scharf anbrät oder lange kocht. Setzt man mit ihm einen Eintopf an, riecht man stundenlang gar nichts – und plötzlich, von einer Minute auf die andere, riecht das ganze Haus nach Weißkohl. Tut man Gleiches hingegen mit einem seiner faden entfernten Verwandten, einem Spitzkohl oder einem Chinakohl, riecht man stundenlang gar nichts und plötzlich überhaupt nichts mehr. Das ist der Unterschied zwischen Blendern und Originalen.

Doch wie so häufig vermag der moderne Mensch die Werte des Einfachen nicht mehr zu schätzen. Etwas Besonderes muss es sein, aber es hat gefällig zu sein. Es darf nicht auffallen, nicht herausragen, soll sich anpassen ans tägliche graue Einerlei.

So rückte der Charakterkopf namens Weißkraut immer mehr in den Hintergrund. Das Match machten seine geschmacklosen Verwandten. Langweilige, formbare Gestalten ohne Ecken, Kanten und Rückgrat, also ohne dicke Strünke und knackige Rippen. Man hat ihnen Geschmack und Individualität weggezüchtet. Genauso wie dem Feldsalat, der Rauke, den Erdbeeren, dem Endivien, den Rindern, Schweinen, Lämmern und Hühnern, dem Knoblauch, den Kartoffeln, den Äpfeln, den Karotten, dem Kopfsalat, dem Spargel, den Tomaten, den Birnen und vielem mehr.

Sogar vor Lachsen, Garnelen und Doraden machte man nicht Halt, vor Handkäse übrigens auch nicht. Alles muss möglichst stark nach nichts schmecken, erst dann zeigt sich der Verbraucher zufrieden.

Dieser Trend ist seit Jahren zu beobachten, und das ist schlimm. Noch schlimmer aber ist die neueste Entwicklung. Seit geraumer Zeit küren unsichtbare Kommissionen irgendein Nahrungsmittel zum „Superfood“. Jedes Jahr suchen sie sich ein neues und behaupten von ihm, das gesündeste von allen zu sein. Viele Indizien deuten nun darauf hin, dass man sich jetzt auf das Sauerkraut geeinigt hat. 2018 jedenfalls gab es enorme Versorgungsengpässe bei Öko-Sauerkraut. Alle Biomärkte waren leergekauft, alles weg. Darauf reagierten die Hersteller und stellten im vergangenen Jahr viel mehr davon her – mit fatalen Folgen. Der Markt für Bio-Weißkohl ist nämlich nahezu leergefegt.

Nur die langweiligen Verwandten lümmeln in den Regalen herum, keine Spur aber vom knackigen, runden, althergebrachten Weißkraut! Alles sauer eingelegt, um in den Mägelchen irgendwelcher Yoga-Übenden zu landen, roh als „healthy food“, mit Quinoa-Samen, Amaranthsprossen und Hanföl oder – schlimmer noch – zu Saft verarbeitet. Leidtragender ist mal wieder der Normalbürger, der nichts weiter will, als einen Weißkrauteintopf mit Dörrfleisch und Speck zu kochen.

Wie soll man denn da durch den Winter kommen? Mit Yoga?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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