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Rachel Dolezal in der Today-Show von NBC News.

Leitartikel

Weiß und schwarz

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Heutzutage ist vermeintlich alles wählbar und die biologischen Grenzen, die Hautfarbe, Geschlecht und Alter einmal gesetzt haben, scheinen kaum mehr bindend zu sein.

Der Wechsel der Hautfarbe mündet in der Literatur meist in eine Tragödie. In seinem 1946 erschienen Roman „Ich werde auf eure Gräber spucken“ erzählt der französische Schriftsteller Boris Vian die Geschichte eines jungen Afroamerikaners, den wegen seiner hellen Hautfarbe alle für einen Weißen halten. Lee Anderson spielt die Rolle des erfolgreichen und beliebten Aufsteigers. Doch im Verlauf des Romans kommt es zum gewalttätigen Eklat. Als sein jüngerer Bruder, der sich zu seiner Abstammung bekennt, Opfer eines Lynchmordes wird, verwandelt sich Anderson in einen unerbittlichen Rächer gegen die Herrschaft der Weißen.

Für den Franzosen Vian war der Roman vor allem auch eine Probe auf das Exempel, ob aus den Zutaten Sex und Gewalt im Kontext des alltäglichen US-amerikanischen Rassismus der Nachkriegsjahre ein packender Genre-Thriller zu machen sei. De Rechnung ging auf. Das Buch verkaufte sich bestens und wurde 1949 als jugendgefährdend eingestuft und verboten.

Schicksalshafte Fälle des sogenannten Passing as white, das der amerikanische Schriftsteller Philip Roth Jahrzehnte später in seinem Roman „Der menschliche Makel“ ebenfalls eindrucksvoll durchbuchstabiert hat, sind in der US-Gesellschaft keine Seltenheit. Ob jemand als weiß oder schwarz angesehen wird, hat seit jeher großen Einfluss auf die soziale Stellung. Weiß zu sein, bedeutet oft nicht nur ein besseres individuelles Fortkommen, sondern auch Schutz vor Diskriminierung.

Im umgekehrten Fall verheißt das Phänomen des Passing aber wohl auch so etwas wie moralische Integrität. Die amerikanische Bürgerrechtlerin Rachel Dolezal hat sich mit ihrem Engagement für die Rechte diskriminierter Schwarzer Ansehen erworben, das jäh beschädigt wurde, als sich nun herausstellte, dass sie nicht, wie behauptet, afroamerikanischer Herkunft ist, sondern weiße Vorfahren aus Deutschland und Tschechien hat. Nach tagelanger Diskussion in den einschlägigen Netzwerken ist Dolezal in dieser Woche als Vorsitzende ihrer Bürgerrechtsvereinigung NAACP zurückgetreten. Obwohl sie auch nach Bekanntwerden ihrer Camouflage zahlreiche Unterstützer fand, war der öffentliche Druck auf sie schließlich wohl doch zu groß geworden.

Der Fall Dolezal sagt viel über die noch immer beachtlichen Rassengegensätze der amerikanischen Gesellschaft aus, die weiter tief davon geprägt ist, was es bedeutet, schwarz zu sein und wie man dies definiert. Darüber hinaus ist die Geschichte aber auch ein signifikanter Beitrag zu den mitunter bizarren Erscheinungsformen einer forcierten Identitätspolitik in Zeiten, in denen immer mehr möglich erscheint. Alles ist wählbar und die biologischen Grenzen, die Hautfarbe, Geschlecht und Alter einmal gesetzt haben, scheinen kaum mehr bindend zu sein.

Auf glamouröse Weise hat das unlängst der frühere Zehnkämpfer Bruce Jenner unter Beweis gestellt, der seine Verwandlung in Caitlyn Jenner so auffällig wie stolz auf dem Cover der Zeitschrift „Vanity Fair“ präsentierte. Die besondere Pointe an dieser von großer öffentlicher Aufmerksamkeit begleiteten Befreiung aus dem „falschen Körper“ bestand nun darin, dass sie einherging mit der bereitwilligen Akzeptanz von Zwängen, die gesellschaftliches Schönheitsideal und weibliche Rollenklischees verlangen.

Caitlyn Jenner genoss es sichtlich, sich als attraktive Frau im fortgeschrittenen Alter präsentieren zu können. Dass die frisch erworbene Freiheit zugleich durch die Unterwerfung sehr alter Gegensätze erkauft war, schien sie dabei nicht zu stören. Die internationale Öffentlichkeit gefiel sich ihrerseits darin, am Beispiel der Jenner ihre weitgehende Liberalität unter Beweis gestellt zu haben. Die gängigen Muster der Stigmatisierung haben sich sichtlich gewandelt, aber das Glück freiheitlicher Lebensweisen wird deswegen keineswegs ungebrochen genossen.

Allein die zeitliche Nähe, in der wir vom jeweils besonderen Schicksal der Dolezal und Jenner erfahren haben, macht beide zu Ikonen einer Multioptionsgesellschaft, die neue Freiräume ermöglicht, aber, wie das Beispiel Dolezal zeigt, auch wieder nehmen kann. Dolezal jedenfalls bleibt die bittere Erfahrung nicht erspart, dass nicht nur sämtliche Details ihrer Familienbiografie in eine empörte Öffentlichkeit gezerrt werden, sondern auch ihr politisches Engagement diskreditiert erscheint.

Aber die Welt ist weder schwarz noch weiß, und der Eindruck, dass beinahe alles möglich und nichts mehr gewiss sei, wird von immer mehr Menschen als Bedrohung empfunden. In der fortschreitenden Moderne sieht sich der Konservative mit seinem Bedürfnis nach einfachen Regeln und gesicherten Festlegungen mit einer fundamentalen Heimatlosigkeit konfrontiert. Eine neue Geborgenheit ist nicht in Sicht. Auch liberale Offenheit hilft da nur bedingt weiter, denn die Versprechen schier unbegrenzter Machbarkeitsvorstellungen führen leider allzu oft in die Gefangenschaft neuer Imperative des Andersseins.

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