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Diese rotzfrechen Griechen - erst von uns kassieren und dann auch noch eine neue Regierung wählen, die sich gegen den Sparplan auflehnt.

Griechenland

Weicheier verschwören sich gegen uns

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Die Nation der schwarzen Nullen ist sich einig: Es ist unsere deutsche Pflicht, die griechischen Hallodris zu dressieren. Wir sind nicht nur reich, wir haben auch recht. Aber warum bloß wird es um uns herum so einsam? Eine Kolumne.

Jeder hat seine eigene Hitparade des Grauens: Geländewagenfahrer, Tierschützer, Dschungelcamper, Nordkoreaner. Wer ist am schlimmsten? Seit zwei Wochen weiß das vereinte Deutschland es wieder: Diese rotzfrechen Griechen, die – gegen den Rat der „Bild“-Zeitung – ihre Inseln noch immer nicht verkauft haben. Und die sich jetzt, da das Elend explodiert, ihre Wirtschaft nach Jahren des Lohndrückens, Streichens und Verscherbelns noch viel kaputter ist als zu Beginn der Krise, einfach eine neue Regierung gewählt haben, die sagt: So kann es nicht weitergehen.

Na, denen werden wir es jetzt mal zeigen. „Geisterfahrer“, knallt der „Spiegel“ auf den Kopf des neuen Premiers Tsipras. „Keine Gnade mit den Griechen!“, brüllt Bild und meldet: „Griechen-Chef lächelt sich durch halb Europa“. „Schmeißt Draghi jetzt die Griechen raus?“, frohlockt der „Focus“. „Wohin führt die Griechen-Wut?“, fragt Jauch, während sich der Kommentator des Deutschlandfunks über die „Betteltour“ der neuen Regenten echauffiert und hofft, dass es bald gelinge, sie „zur Räson zu bringen“.

Die Nation der schwarzen Nullen ist sich einig: Wir sind nicht nur reich, wir haben auch recht. Es ist unsere deutsche Pflicht, diese Hallodris zu dressieren. Schon, damit nicht auch die Spanier, Portugiesen und sonstige Südländer auf dreiste Gedanken kommen. Demoskopen melden: 80 Prozent der Deutschen verlangen eine Fortsetzung der Sparpolitik, 61 Prozent wollen die Griechen aus dem Euro schmeißen, falls sie weiter aufmucken. Weiter „frech und unverschämt“ auftreten, wie Günther Oettinger, unser Gesicht in der EU-Kommission, so schön sprach.

Der hässliche Deutsche ist zurück

Der hässliche Deutsche ist wieder da. Nur leider wird es um ihn herum recht einsam. Man muss gar nicht furchtbar linksradikal sein, um dies zu bemerken. Es reicht, die „Financial Times“ oder das „Wall Street Journal“ oder den „Economist“ zur Hand zu nehmen, um zu erfahren, dass unser Beharren auf Rückzahlung aller Schulden um jeden Preis „einfach nur verrückt“ ist, wie es Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman ausdrückt.

„Die Deutschen“, resümiert jedenfalls „Bloomberg Businessweek“, „sind nur mit ihren Ratschlägen großzügig. Sie sagen: Schnallt den Gürtel enger und lockert eure Arbeitsmärkte.“ Nicht mal die Neoliberalen können Schäubles Sermon mehr hören.

Man muss auch kein Ökonom sein, noch nicht mal ein deutscher, um nachvollziehen zu können, was US-Präsident Barack Obama befand: „Sie können Länder, die sich inmitten einer Depression befinden, nicht immer weiter ausquetschen.“ Aber nein! Stopp, stillgestanden! Dies ist die falsche, total undeutsche Denkungsart. Jetzt nur nicht einknicken vor diesem „anschwellenden Medienchor im Westen, der ein mitleidheischendes Lied von Verarmung und Not singt“, raunt uns Josef Joffe, der Dick Cheney des deutschen Journalismus, zu.

Schockierend dabei: Selbst ihn, den Herausgeber der „Zeit“, verlässt der Mut. „Die Erpressung“, schwant Joffe, „wird abermals funktionieren.“ Weil nämlich die Weicheier dieser Welt sich gegen uns und unsere Kanzlerin verschwören. „Von Athen bis Washington zeigen sie auf die Haupttäterin namens Merkel.“ Das ist eine Schande. Und das tut auch noch weh: „Die nächste Krise kommt wie der Kater nach dem Ouzo-Exzess.“

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